Grundlagen 

oder warum die myofasziale Dehnung so erfolgreich ist

Umdenken erleichtert die Therapie

Ganz angenehm ist die myofaszialen Dehnungstherapie nicht. Besonders ältere und sehr empfindliche Patienten werden möglicherweise Schwierigkeiten haben, die Therapie konsequent umzusetzen. Die Behandlung in der Praxis ist manchmal schmerzhaft und es kann auch vorkommen, dass sich in den darauffolgenden Tagen ein Gefühl wie Muskelkater bemerkbar macht. Es findet aber auch eine tiefgreifende Veränderung des Körpers statt. Es ist nicht nur ein Wandel. Man kann mit Fug und Recht behaupten, dass ich da eine grundlegende eine Erneuerung, ja, in gewisser Weise eine Verjüngung abspielt. Weil dieser Wandlungsprozess auch schmerzhaft sein kann, wird derjenige besser damit zurechtkommen, der sich die Mühe gemacht hat, zu verstehen, was da überhaupt passiert. Alte Vorstellungen von Schmerzursachen und gängige Darstellungen von mechanischen Kausalketten sollten wir verlassen. Knochenstrukturen und Gelenke für die Schmerzen verantwortlich zu machen, bedeutet eine gewisse Hilflosigkeit. Der immer wiederkehrende Hinweis, es handele sich eben um unvermeidbare Abnutzungserscheinungen, kommen gut an, treffen aber nicht den Kern. Wir sind lebende Wesen, die sich selbst reparieren können und keine Autos, an denen laufend irgendwelche Teile repariert und ausgetauscht werden müssen.
Auch die hier von mir vertretene These der Faszienspannung kann in 50 Jahren ein Schmunzeln hervorrufen, weil neue Erkenntnisse wieder zu einem Umdenken zwingen. Aber zumindest heute gibt es keine Theorie, die so modern ist, so viel erklären kann und so schlüssig ist. Sie ist deswegen für den Augenblick die richtige, weil sie überall am Körper erfolgreich angewendet werden kann und dadurch die meisten grossen Plagen der Menschheit mit einfachen Mitteln gemildert werden können.

Die Extrazelluläre Matrix, ein wenig beachteter Raum, das unbekannte Organ

Am Anfang unserer Betrachtung steht die Beschäftigung mit einem wichtigen Raum. Ein Raum, dem man bislang nicht die gebührende Beachtung geschenkt hat, weil man ihn  nicht richtig sehen konnte, da er mit Flüssigkeit (Wasser) ausgefüllt ist und seine Fixierung demzufolge im histologischen oder pathologischen Präparat Schwierigkeiten machte. Diesen Raum nennen wir die Extrazelluläre Matrix (EZM).
Wie Sie wissen, besteht unser Körper aus Zellen, die miteinander mehr oder minder lose verbunden sind. Gleichartige Zellen bilden zusammen ein Organ. In der Gesamtsicht erscheint uns dann der Mensch so, wie wir ihn zum Beispiel in der Ausstellung “Körperwelten” sehen können. Das ist aber nicht der lebende Mensch. Ausserhalb und zwischen den Zellen müssen wir uns noch diesen neuen Raum mit Flüssigkeit denken.
Dieser Raum besteht aus zwei wesentlichen Elementen: aus einer bindegewebigen Faserstruktur, der fibrillären Matrix, und der viskösen Grundsubstanz. Die Fasern bilden ein unscheinbares hauchdünnes, spinnenwebartiges Netz, das jede einzelne Zelle umgibt, können aber auch zu einer sehr gut sichtbaren plattenförmigen Faszie werden, zu einer dicken Sehne oder zu einer kompakten Gelenkkapsel. Die Grundsubstanz ist flüssig. Das Bindegewebe ist das Gefäss und die Grundsubstanz der brodelnde Inhalt.

Vielleicht trägt folgende Vorstellung ein wenig zum Verständnis bei. Wir alle stammen aus dem grossen Ur-Ozean. Seit der Entwicklung von Einzellern ist jede einzelne Zelle und jedes Organ immer von Wasser und den darin schwimmenden Partikeln und gelösten Stoffen umspült. Alles, was die Zelle braucht, ist hier im Überfluss vorhanden. Mit dem Gang aufs Land haben wir einen Teil dieses Ozeans einfach mitgenommen. Ohne dieses Privatmeer mit allen seinen Elementen könnten wir nicht leben. In der Hauptsache besteht dieses Meer (EZM) natürlich aus Wasser  (99%, frei und gebunden), Salzwasser wohlgemerkt mit den darin gelösten Elektrolyten in Ionenform oder Salzen in gelöster Form oder Kristallen, dazu Vitamine und Gase (O2, CO2 usw.). Von hier aus werden alle Zellen mit Energie versorgt, alle Stoffwechselprodukte werden hier hinein gegeben. Ein riesiger Kreislauf.  Vielfältige Formen von Baumaterial, Proteine und Glykoside, kleine Moleküle und riesige Eiweissketten findet man hier. Informationen werden nicht nur über das Bindegewebe, sondern auch über Hormone und spezielle Botenstoffe weitergegeben. Enzyme zum Auf- und Abbau, exakte Konstruktionspläne, alles schwimmt in der Extrazellulären Matrix. Hier werden nicht mehr gebrauchten Stoffe in kleine Teile zerlegt. Es wird aufgebaut, umgebaut und wieder zerstückelt. Dauernd wird geprüft, was gut und passend oder was schädlich ist. Daneben gibt es noch die verschiedensten Zellen, die wir auch aus der Blutbahn kennen, rote und weisse Blutkörperchen, Mastzellen, Gliazellen, Pigmentzelle, Osteozyten, Adipozyten und viele andere. Und -  in diesem gigantischen System passieren Dinge, die wir noch lange nicht alle verstanden haben.

Vor allen Dingen die Fibroblasten spielen für unsere Problematik eine wichtige Rolle, da sie für die Bildung von fibrillären und interfibrilläen Strukturen verantwortlich sind, die schlussendlich das Bindegewebe ausmachen.

Die fibrilläre Matrix

Warum der “Sack”, in dem die oben beschriebene Suppe transportiert wird, das Bindegewebe, gar nicht unförmig aussieht, wird später erklärt. Hier nur so viel: das Bindegewebe umgibt alle Organe, durchdringt alle Organe, verbindet alles mit jedem, die Haut, die Knochen, die Leber, das Herz, einfach alles. Wir sind tatsächlich ein Bindegewebsgerüst, in dem einzelne Organe und Zellen abgelagert sind. Dieses Gerüst bildet auch unsere eigene, individuelle Struktur und körperliche Form. Es ist unser eigenes, individuelles, körperliches Abbild. Ohne Bindegewebe würde alles, was wir darstellen, eine formlose, flüssige Pfütze am Boden sein.
Die Hauptakteure des Bindegewebes seien kurz vorgestellt. Es gibt drei grundsätzliche Typen von Fasern: Kollagen, Elastin und Retikulin. Retikulin ist die embryonale Faser, sehr fein in seiner Struktur, quasi ein unreifes Kollagen. Beim Erwachsenen ist es praktisch durch Kollagen ersetzt. Elastin ist, wie der Name schon sagt elastisch, kommt hauptsächlich in der Haut, im Ohr und in bestimmten Bändern vor. Das häufigste Protein ist das Kollagen und hier wieder spielt der Typ I die grösste Rolle.
Wie Legobausteine setzen die Fibroblasten Aminosäuren im Endoplasmatischen Retikulum zu einer dreier Proteinkette zusammen. Die werden dann in den Extrazellularraum ausgeschleust und dort, je nach Bedarf, für die Erfüllung der unterschiedlichsten Funktionen zusammengebaut. Feine, spinnenartige Gewebe unter der Haut, dünne Membrane, die das Gehirn umgeben, ein schwammartiges Gewebe in der Lunge oder die lichtdurchlässige Cornea im Auge, sind ein Teil der Palette. Für uns natürlich wichtig ist, dass auch die starken Sehnen an Fuss und Rücken sowie die Gelenkbänder und Kapseln und auch der Hauptteil von Muskelfaszien, Sehnen, Gelenkkapseln und Aponeurosen daraus bestehen.  Aber diese weissen, zähen, faserigen Gewebe, die wir bei unseren Speisen gerne wegschneiden, sind keine Stahlseile wie bei einer Brückenkonstruktion. Sie bilden eine Art eigenes Gehirn, das mit allen Teilen des Körpers in Kontakt steht.  Davon zeugen die vielen Rezeptoren in den Sehnen, Fühler, die die verschiedensten Funktionen erfüllen können. Sie sind in solcher Menge vorhanden, dass man aufgefordert ist, nach dem Sinn zu fragen. Warum versorgen nicht Auge, Ohr oder Haut sondern ausgerechnet der Muskel-Bindegewebs-Apparat das Zentrale Nervensystem mit den meisten sensiblen Nervenfasern? Warum sind die Informationen so wichtig, die von Muskelspindeln, Muskelrezeptoren, Paccini´schen und Ruffini´schen Körperchen und den Interstitiellen Rezeptoren ausgehen? Warum ziehen dreimal so viele sensiblen Fasern von diesen Mechanorezeptoren zum Gehirn, wie motorische Leitungen zurück laufen, die bekanntlich die Befehle des Gehirns weiterleiten und für unsere Bewegung zuständig sind? Ist es vermessen daraus zu folgern, dass den myofaszialen Rezeptoren, die auf Zug und Druck reagieren, eine überragende Bedeutung zukommt?

Sehnenansätze und Bänderkapsel können austrocknen

Durch dauernde muskuläre Zugbelastung verliert das Bindegewebe ohne den Kontakt mit den muskulären Fibrillen Flüssigkeit. Diese Teile, die wir als Sehnen bezeichnen, ermüden, geben Wasser ab, werden starr und unbeweglich, gleiten nicht mehr so gut in ihren Sehnenscheiden und sind damit auch verletzungsanfälliger. Das Gleiche passiert, wenn die Muskeln und Sehnen gar nicht gebraucht werden. Das ist beim modernen Menschen besonders häufig der Fall.
Warum ist die in der Medizin wenig beachtete Möglichkeit des Bindegewebes, sich auf Druck sich zu verändern und zu verlängern, im ganzen Körper vorhanden? Fordern uns die massenhaft vorhandenen Rezeptoren nicht auf, endlich diese Möglichkeit der Entspannung wahrzunehmen? Dass das wirklich funktioniert, kann jeder erfahrene Therapeut unter der Arbeit erfühlen und jeder Patient, der so behandelt wurde, wird von sich aus das Auflockern als Erleichterung empfinden.

Die visköse Grundsubstanz

Zu meiner Studentenzeit wurde der interstitielle Raum zwischen den Zellen als wässeriger Raum beschrieben, in dem sich mehr oder minder frei beweglich alle die oben erwähnten Stoffe herumtummeln können. Die Vorstellung von der Grundsubstanz ist heute die eines wässerigen Gels, das von Mukopolysacchariden oder Glukosaminglykanen wie Hyaluronsäure, Chondroitinsulfat, Keratinsulfat und Heparinsulfat bestimmt ist. Sie sehen aus wie Farne oder kleine Kämme und hängen fast an jeder Zelle. Diese Struktur vermag alle Arten von Bakterien festzuhalten und deren Ausbreitung zu verhindern (immunologische Barriere). Die Farne bilden einen hochvariablen, durchgehenden Kleber, der je nach Bedarf eine Stelle abschliesst, an anderer unzählige Stoffe passieren lässt, die zum Leben notwendig sind. Dieser Kleber hält Billionen von kleinen Zelltropfen wie ein Netz zusammen und ist gleichzeitig in der Lage, wichtige Substanzen durchz lassen. Die visköse Grundsubstanz ändert also laufend ihren Zustand. Bei längerer Ruhe oder in Verspannung wird die Grundsubstanz visköser, steifer. Ein idealer Ablagerungsplatz für Metabolite und Toxine.
Diese Klebeeigenschaft hat aber noch einen ganz anderen Effekt. Dadurch, dass sowohl ein durchgehend freier Raum um jede Zelle existiert und doch gleichzeitig alle stationären Zellen durch feine Filamente miteinander verbunden sind, wird das ganze System schon auf mikroskopischer Ebene äusserst stabil. die Zellen sind so aufgehängt, dass mit minimalem Materialaufwand ein Maximum an Stabilität erreicht wird, und zwar in beweglicher Form, sodass je nach Anforderung der jeweiligen Zug- oder Druckrichtung die Schnüre so gespannt werden, dass auf die einzelne Zelle eine möglichst geringe Belastung zukommt (Tensegrity Modell im zellulären Grossraum). Das Prinzip wird an anderer Stelle noch genauer besprochen, weil es auch für die Zugbahnen der Sehnen eine fundamentale Bedeutung hat.
Ohne diese fein ausgeklügelte Steuerung, die jeden Zug und Druck an Millionen von Zellen gleichzeitig registrieren kann und entsprechend vernetzt reagiert, würde es schwer fallen zu erklären, warum unsere Beine nicht alle doppelt so dick sind. Müsste sich doch in einem verbundenen wässerigen System (kommunizierende Röhren) beim Stehen und beim Sitzen (über einem Meter Höhe) der Hauptteil der Flüssigkeit des Körpers im unteren Bereich befinden (0,1 Bar Wasserdruck). Aber dieser Druck belastet eben nicht die unteren Zellschichten des Fusses, sondern er wird verteilt bis oben hinauf zum Kopf, ob man es glauben mag oder nicht.
Jetzt wird auch verständlich, warum Bewegung so wichtig ist für uns. Durch die sofortige und laufende Umverteilung des Drucks im ganzen Körper, zum Beispiel beim Laufen, wird bei jedem Zentimeter einer anderen Haltung die Mehrzahl der Körperzellen aktiv angesprochen und verändert. Wie in einem grossen Pumpsystem wird für einen Austausch gesorgt. Die in irgendwelchen Winkeln abgelagerten Substanzen (Müll) werden ausgeschwemmt und neue Energie und wichtige Baustoffe werden wieder zugeführt. Daher der gute Rat, jeden Tag zusätzlich mindestens eine Tramhaltestelle zu Fuss zu gehen.
 
 

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