Es ziept in der Lende, es drückt, es tut einfach weh: Für manchen werden die Schmerzen im unteren Rücken zur Plage. Eine Operation muss allerdings nicht gleich das Mittel der Wahl sein; mit Medikamenten und Abwarten können die Schmerzen genauso gut abklingen. Das berichtet ein Team um James Weinstein, Lendenwirbelsäulen-Experte von der US-amerikanischen Dartmouth Medical School.

 

Eigentlich wollten die Forscher herausfinden, ob eine Operation beim Ischiassyndrom die bessere Behandlungsmethode ist. Doch es wurde vor allem eins deutlich: So einfach lassen sich keine wissenschaftlichen Belege für die Vorteile der Wirbelsäulen-OPs finden.

 

In zwei Publikationen im Wissenschaftsmagazin "Journal of the American Medical Association" berichten die Forscher: Allen Patientengruppen erging es ähnlich – egal, ob ihnen die quälende Bandscheibe entfernt wurde oder nicht. Ebenfalls keinen Einfluss auf die Genesung hatte es, ob die Operation zugelost wurde oder ob ein Arzt die Entscheidung dazu traf. Das lakonische Fazit der Forscher: Nach zwei Jahren hätten die meisten die gleichen Probleme wie zu Beginn der Studie gehabt, manchen sei es besser gegangen, manchen sogar schlechter.

 

Studienplan makellos, doch Studienablauf verfälscht Ergebnis

 

Dabei war der Ablauf der Studie perfekt geplant: Von fast 3000 Menschen kamen 1244 in die engere Wahl. 501 von ihnen wurde per Randomisierung, also per Losverfahren, die Operation zugeteilt oder verweigert. Bei den restlichen 743 Probanden wurde einfach beobachtet, wie sie in den beteiligten Kliniken behandelt wurden. Auch war die sogenannte konservative Therapie ohne Eingriff so individuell und vielfältig wie üblich: Manche Patienten bekamen Medikamente, andere gingen zum Chiropraktiker oder zur Akupunktur. Somit sei das Forschungsdesign "picco bello" gewesen, sagt Stefan Sauerland vom Institut für Forschung in der operativen Medizin (IFOM). Doch die Durchführung des mehrjährigen Projekts "Spine Patient Outcome Research Trial", kurz "Sport", lief trotzdem nicht so glatt.

 

"Zu viele Patienten haben nicht das bekommen, was sie bekommen sollten", sagte Sauerland. Normal sei, dass etwa zehn Prozent von einer Gruppe in die andere wechselten. Viele Patienten, die nach der Randomisierung eigentlich gar nicht auf den OP-Tisch sollten, haben den Eingriff aber verlangt und bekommen. Auch von den lediglich beobachteten Patienten haben sich innerhalb der zwei Jahre viele zugunsten der Wirbelsäulen-OP umentschieden.

 

Das Problem beschreibt Sauerland so: "Das ist wie mit Rotwein und Weißwein. Wenn man ein halbes Glas von dem Weißen in den Roten kippt, ist der Unterschied zwischen beiden Weinen nicht mehr zu schmecken." Diesen Effekt räumt auch Weinsteins Team ein: Wegen der vielen Patienten, die die Gruppe gewechselt hätten, seien Schlussfolgerungen auf eine Übermacht einer Therapie oder die Gleichwertigkeit mehrerer Behandlungsmethoden "nicht gewährleistet". Immerhin konnten die Forscher die "Panscher" ausfindig machen: Vor allem Menschen mit geringerem Einkommen und schlechteren, schmerzhafteren Symptomen wollten unbedingt unters Messer.

 

"Schmerzen an sich kein Anlass für Operation"

 

"Schmerzen an sich sollten kein Anlass für eine Operation sein", meint Florian Kaltenbach von der Universität Würzburg. Für einen Eingriff müssten härtere Kriterien erfüllt sein. Etwa dass ein Nerv, der aus dem Wirbelkörper führt, eingeklemmt ist. Oder dass die Schmerzen trotz konservativer Therapie nicht verschwinden. Oder dass sich der Fuß schlecht heben lässt. Bei einem Bandscheibenvorfall mit Lähmungen kommt man sogar schnell auf den OP-Tisch. Nach dem Eingriff sei man wieder relativ fit, der Nutzen also sofort sichtbar, so Kaltenbach. Doch manchmal seien die Schmerzen eben nur sekundär, etwa als Folge einer Arthrose in der Lendenwirbelsäule. "Da werden mit einer Operation die schmerzhaften Nebeneffekte nicht behoben", sagte der Orthopäde.

 

Glücklicherweise schicken hierzulande Orthopäden nicht (mehr) gleich jeden Patienten, den der Ischias nervt, ins Krankenhaus. Man ist zurückhaltend, glaubt Kaltenbach, "da das Symptombild zu komplex ist". Immerhin kämen hin und wieder auch Patienten mit einem psychogenen Problem à la "Ich habe Rückenschmerzen, nur eine OP hilft mir" - oder Menschen, die nach einer Rückenoperation verlangen, damit sie einfach früher in Rente gehen können.

 

In den USA gibt es noch ganz andere Gründe, die die Leidgeplagten auf den OP-Tisch holen, wie Fritz Uwe Niethard von der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie (DGOOC) berichtet: US-Amerikaner seien nicht abgesichert, wenn sie krank seien - eine schnelle Operation sei da willkommen. Zudem seien die meisten Patienten privat versichert - ergo verdienten Ärzte und Kliniken in den USA an den Operationen und werben so stärker für den Eingriff.

 

Wie also soll man wissenschaftlich beweisen, dass nicht nur Chirurgen gegen quälende Rückenschmerzen helfen können? Schein-Operationen, die Placebos der Chirurgen, halten Experten für unmöglich. Dabei wird nur so getan, als würde man einen Kranken operieren. Diese Pseudo-OPs seien unethisch, die Ethikkommission würde sie nicht zulassen, wenden Experten ein.

 

Mit Wirbelsäulen-Operation Lebensqualität schneller erhöht

 

Laut IFOM-Wissenschaftler Sauerland sind Scheinoperationen bei der Bewertung "kleinerer Operationen" eine "tolle Sache". Paradebeispiel Meniskus-Schmerzen: Vor einigen Jahren wurden in einer Studie des Orthopädie-Chirurgen Bruce Moseley Patienten in drei Gruppen eingeteilt: Kniegelenk durchspülen oder Spülung plus Knorpel-Glätten oder einfach nur in die Haut am Knie einschneiden – die Probanden wussten nicht, wie sie behandelt wurden, sie konnten nur die Narben sehen. Allen ging es zunächst besser, nach einiger Zeit aber hatten alle wieder die gleichen Schmerzen.

 

Das bedeutet zum einen: Nicht alle Eingriffe sind nötig. Und zum anderen: Alleine das Gefühl, operiert worden zu sein, kann schon die Schmerzen lindern. Auch Weinsteins Team schreibt: Dass es Patienten nach einer Operation besser gegangen sei könne zum Teil auch am Placebo-Effekt gelegen haben.

 

"Durch eine Operation wird die Lebensqualität etwas eher erreicht", sagt Niethard. Doch seiner Meinung nach gibt es bislang keine bessere, aussagekräftigere Studie als die von Henrik Weber aus dem Jahre 1983. Die Patienten wurden wie auch bei der aktuellen "Sport"-Studie per Randomisierung der OP-Gruppe oder der Nicht-OP-Gruppe zugeteilt - nur durfte keiner in die andere Gruppe wechseln. Auch hier war das Ergebnis eher lakonisch. Ob Wirbelsäulen-Operation oder nicht: Die Endergebnisse hätten sich nicht unterschieden.

 

23. November 2006