Muskelkrämpfe

Chaos im Programmierzentrum, Training unbedingt erforderlich

Unerträgliche Dauerkontraktionen nicht belasteter Muskeln und plötzliche, schmerzhafte Muskelkrämpfe, die einen mit einem Aufschrei mehrmals in der Nacht aus dem Schlaf reissen, belasten sowohl trainierte Sportler als auch ältere Personen, die sich kaum noch zu bewegen trauen. Was haben beide gemeinsam? Grössere Muskelpartien können nicht mehr ordnungsgemäss angesteuert werden. Unkoordinierte Befehle werden völlig unsinnig an passive, nicht gebrauchte Muskeln gesandt. Die richtige Reihenfolge der Feuerbefehle im Gehirn für einzelne Muskelfasergruppen klappt nicht mehr. Dieses Programm ist gestört.

Eine einfache Bewegung ist ein sehr komplexer Vorgang, nicht zu vergleichen mit einer mechanischen Seilwinde oder dem Arm eines Krans. Es sind immer zwei Seiten beteiligt, eine die zieht und eine die nachgibt. Dadurch ist eine kontrollierte, feine Bewegung möglich. Die einzelnen Muskelfasern können sich nur kurz zusammen ziehen, danach müssen sie wieder entspannen. Es muss also immer abwechselnd und über den ganzen Muskel verteilt in sehr schneller Folge kleine Zuckungen geben, die insgesamt dann eine Verkürzung der beteiligten Sehnen bewirken. Je mehr Myofibrillen angefeuert werden, um so stärker ist die Kraftentfaltung. Auf der anderen Seite muss der Gegenmuskel eine Entspannung zulassen und dazu auch die Befehle an die entsprechenden Mengen von Muskelfasern geben, je nach dem, was das Gehirn erwartet. Wir haben den Schreck alle schon erlebt, wenn wir auf schlecht beleuchteter Treppe beim Heruntergehen noch eine Stufe erwarten und dann auf Grund einer Fehlprogrammierung (Fehlerwartung) ins Leere tappen.

Die erforderlichen Myofibrillen können nicht beliebig angefeuert werden. Eine unglaubliche Menge von Messstellen (Propiozeptoren) misst laufend die Lage und Spannung des jeweiligen Abschnitts und informiert das Gehirn. Das ist in so fern wichtig, als die einzelnen Fibrillen unterschiedliche Richtungen im Muskel einnehmen und zudem die einzelnen Teile über intramuskuläre Faszien so verbunden sind, dass eine Richtung (Kraftvektor) nicht von vorn herein festgelegt werden kann. Es kommt auf die Gesamtkomposition der Umgebung an. Dabei wird nie die ideale Abfolge erreicht. Durch Training kann man die Effektivität erheblich verbessern. Dabei wird die Abfolge und die Intensität der Feuerbefehle als Programm im Gehirn hinterlegt. Durch diese Erkenntnis wurde in den letzten Jahren die sportlichen Leistungen auf allen Gebieten erheblich verbessert. Die Anzahl der unproduktiven oder auch der vielen entgegen gerichteten Kontraktionen galt es einzuschränken. Tatsächlich werden, wenn man genau hinschaut, im normalen Leben und bei gängigen Bewegungen völlig unbeteiligte Muskelgruppen in Aktionsnähe aber auch an entlegenen Stellen aktiviert. Das kostet Zeit, Beweglichkeit und Kraft. Bei Muskeltests in der täglichen Praxis erleben wir immer wieder, dass zum Beispiel nach der Aufforderung in Seitenlage ein Bein zu heben, zuerst ein Rückenmuskel aktiviert wird, bevor die Beine eingesetzt werden. Ein weiterer häufiger Irrtum ist ein Befehl, der auf beiden Seiten gleichzeitig ausgeführt wird. Bei der Aufforderung im Liegen den rechten Fuss zu bewegen, agiert auch der linke mit.

Im Alter wird es immer schwerer mit weiter zunehmenden Verletzungen, schlechter Haltung und weiterem psychischem und körperlichen Stress die jugendliche Elastizität zu erhalten. Immer weniger Programmabläufe werden im Alltag wiederholt. So verkümmern die neuronalen Verbindungen und es schleichen sich immer häufiger Fehler ein. Muskeln und Faszien trocknen aus, die Sehnen schrumpfen und damit büssen die Gelenke weiteren Spielraum ein. Ein Teufelskreis. An den verschiedensten Stellen des Körpers treten Schmerzen auf. Bei genauer Analyse ist praktisch keines der Muskelpaare (Agonisten und Antagonisten) noch ausbalanciert. Der eine Teil ist ist immer konzentrisch fixiert (zusammengezogen), der andere Teil exzentrisch fixiert (auseinandergezogen). Die Muskelbäuche werden kaum noch bewegt und nach einiger Zeit kleben benachbarte miteinander zusammen. Erhalten die Muskelfasern jetzt den Befehl, sich zu kontrahieren, stimmen die Zugrichtungen nicht mehr und die Kraftwirkung wird manchmal sogar in die Gegenrichtung geleitet. Die erlernten und gespeicherten Programme werden mehr und mehr nutzlos. Gutgemeinte Ratschläge von Therapeuten, die Muskeln durch Übungen zu stärken, verschlimmern die Situation nur, weil sie zu noch mehr Verspannungen führen. Der verzweifelte Versuch, eine längere geplante Bewegungen zu machen, führt im starken, agierenden Muskel zu einer flächenhaften , unkontrollierten Kontraktion, einem Krampf. Geschieht das häufiger, nimmt es nicht wunder, wenn der Leidtragende möglichst jede Bewegung vermeidet.

Die spontan, vor allen Dingen nachts, auftretenden Krämpfe sehen wir häufig auf der anderen Seite, der der schwachen, ausgezogenen Muskeln. So ist zum Beispiel häufig die Hinterseite der Oberschenkelmuskulatur betroffen oder auch die Waden. Wie können sich die weichen, gar nicht beteiligten Muskeln einfach zusammenziehen? Es müssten doch eigentlich die belasteten, starken Gewinner, die mit den Krämpfen sein, in unserem Beispiel die vorderen Oberschenkelmuskeln. Erklären könnte man sich dieses Phänomen als Schutzmechanismus dem aktiven Muskel gegenüber. Bevor dieser sich zu stark engagiert und damit ein Gelenk in Gefahr bringt, blockiert der schwache Muskel jedes Handeln über eine bestimmte Belastung und eine bestimmte Winkelstellung des gefährdeten Gelenks hinaus durch einen massiven Dauerkrampf.

Die sofortige Dehnung der verkrampften Muskelfibrillen bringt zweifelhafte Erlösung, liegt das Problem doch nicht im Muskel selbst, sondern in einer Fehlprogrammierung des Gehirns.

Die tatsächlich vorhandene Neuroplastizität unserer Nervenzellen auch im Alter beweist eindrücklich die mir am sinnvollsten erscheinende Therapie, die Umprogrammierung der muskulären Feuerungsanweisungen. Ein räumlich und zeitlich einigermassen passender Ablauf der Befehle wird Krämpfe in Zukunft vermeiden. Die einzige bisher empfohlene Behandlung der Experten, nämlich die Einnahme von Elektrolyten, von Magnesium oder Kalium, ist wertvoll, bringt aber in unserem Fall keine Besserung.

Wie am Anfang unseres Lebens müssen wir sie wieder lernen, die selben Programme, die selben Bewegungen, die selben koordinierten Abläufe. Auch die Form des Lernens wird ähnlich sein. Die notwendigen Übungen ähneln tatsächlich kindlichen Spielereien. Mit kindlicher Begeisterung durchgeführt, soll auch die kindliche Freude zurückkehren, nachdem wir wieder eine Aufgabe gelöst haben, die Jahrzehnte selbstverständlich war. Unsere Technik besteht darin, die für grobe Bewegungen bestimmten, kräftigen, körpernahen Muskeln (Bein) zu verbinden mit den motorisch und sensiblen, peripher gelegenen Gliedern (Zehen). Gemeinsame Aufgaben, verbunden mit anderen Hirnzentren, sollen alte Programme wieder hervorholen, reaktivieren und neu anpassen. Das können nur Sie als Betroffene oder Betroffener selbst machen. Wird ein Partner mit einbezogen, so ist das von grossem Vorteil.

Wir, in der Praxis, sorgen dafür, dass die beteiligten Gelenke wieder frei beweglich sind und die Kapseln und Sehnen keine Einschränkung mehr darstellen. Eine weitere, wichtige Voraussetzung ist das wieder freie Gleiten der Muskelkompartimente. Dafür müssen die watteähnlichen Verklebungen zwischen den Muskelbäuchen gelöst werden.

Sie fangen mit Ihrer Selbsttherapie also quasi wieder von vorne an. Nicht ganz, denn in alten verstaubten Archiven sind Ihre früheren Programme noch gespeichert, die Sie abholen und zum Teil verwenden können. Tatsächlich lässt sich das Rad der Zeit wieder zurück drehen. Mit der koordinierten Bewegung kommt die Muskelentspannung. Die erlaubt ein ausbalanciertes Verhältnis zwischen Agonist und Antagonist. Die Gelenke werden aus ihrer Umklammerung befreit. Die Beweglichkeit nimmt weiter zu. Die Schmerzen verschwinden. Der Kopf ist wieder frei. Die Haltung verbessert sich und damit auch die Stimmung. Das Leben ist wieder lebenswert.