Muskelgesetz 3

Der Chef ist immer vorne

Die vorderen Muskeln sind immer die stärkeren, sie sind die Chefs (Flexionsseite)

Das ist auf den ersten Blick nicht ganz einleuchtend. Die dicken breiten Muskeln des Rückens scheinen doch zweifellos stärker zu sein. Das ist aber nicht der Fall, denn es kommt auf die Funktion an.

Sonderentwicklung beim Menschen, für Überraschungen immer gut

Für die Erklärung müssen wir wenig zurückgehen in der Menschheitsgeschichte. Zu dem Moment wo sich der Mensch entschlossen hat, aufrecht zu stehen. Warum er das gemacht hat, wissen wir heute nicht so genau. Aber es hat sicher etwas mit dem permanent erweiterten Horizont in der Savanne und auch mit den Fähigkeiten, die unser Urahn inzwischen ausgebildet hat. Eine kleine Geschichte mag dies verdeutlichen.

Vor langer, langer Zeit

"Als sich Bakr (unser Ahn) aufrichtete, um über die Gräser und Pflanzen der Savanne den Horizont abzusuchen (inzwischen sass der Kopf schon waagerecht auf der senkrechten Halswirbelsäule, er hatte also keine Probleme mit der Rundumsicht) und dieses merkwürdige Verhalten die Tiere sahen, konnten sie sich vor Lachen nicht halten. Was für eine komische Figur stand da vor Ihnen? Nackt, ohne Fell und wie stand er da? Auf den Hinterbeinen. Völlig wehrlos. Alle wichtigen Organe, die es zu schützen galt, lagen offen zu Tage, unglaublich dämlich. Von den Genitalien, über die Eingeweide im Bauch, dann das Herz und auch noch der Hals, völlig frei und offen, also jedem Angriff ausgeliefert. Eine leichte Beute!?"

Perfekte aktive Verteidigung

Aber da haben sich die potenziellen Feinde gewaltig geirrt. Eine völlig neue, geniale Konstruktion war entstanden, die man von aussen auf den ersten Blick nicht so erkennen konnte (und deren sich heute auch nicht jeder bewusst ist).

Richtig, die vordere Bauchmuskulatur ist dünn und weich. Aber sie hat es in sich. Versuchen Sie einmal einem Profi Boxer ins Gesicht zu hauen. Das wird Ihnen nicht gelingen, da er viel zu schnell jedem Angriff ausweichen kann. Das ist das Geheimnis dieser neuen Muskulatur, die sich übrigens unter dem Mikroskop von der Rückenmuskulatur kaum unterscheidet. Perfekte aktive Verteidigung nennt man so etwas.

Die zweischneidige Waffe

Aber der Knüller kommt noch. Der Mensch ist in der Lage, sich zu verteidigen und auch gleichzeitig anzugreifen. Das ist ungewöhnlich und einmalig. Das gab es zuvor noch nie. Mit einer Waffe (Messer, Schwert, Stein, Stock) oder auch einfach so mit blossen Händen und der Faust konnte das geschehen. Also Angriff und Verteidigung in einem. Alles in einer Bewegung. Das hat es bisher noch niemand gesehen. Mit der richtigen Strategie und einigem Training haben Tiere keine Chance. Übrigens versucht man gerade als Zirkussensation, Affen das Boxen beizubringen. Es gelingt nicht, da beides zusammen, Angriff und Verteidigung, in ihrer Welt nicht vorgesehen ist.

Muskeln mit unterschiedlichen Rollen, vorne beweglich, hinten statisch

Es kommt also nicht auf die Dicke oder Stärke der Muskulatur an, sondern auf deren neurologische Verknüpfung. Was kann man alles damit machen? Worin liegt die Funktion?  Eine wesentliche Frage, die man bei jedem Muskel, den man behandelt (oder behandeln lässt) auch stellen sollte. Wenn wir unter diesem Gesichtspunkt näher die vordere und hintere Muskulatur betrachten, sehen wir auch schon makroskopisch die Unterschiede.

Vorne eine waagerechte Struktur = aktive Sicherheit

Die vordere Bauchmuskulatur ist waagerecht unterteilt auf jeder Seite mit in etwa viereckigen dünnen Muskelpaketen, die ein wenig an unsere blauen Tiefkühl-Pads erinnern. Die Amerikaner nennen die Gesamterscheinung Six-Packs (genau genommen sind es acht, aber man sieht nur sechs), wir sprechen lieber von einem Waschbrettbauch. Diese einzelnen Muskelpakete können unabhängig voneinander ihre Seite nach vorne ziehen oder einrollen und sind die Hauptakteure vorne mit den seitlichen Bauchmuskeln.

Hinten läuft es senkrecht = passive Sicherheit

Die Rückenmuskulatur besteht aus unterschiedlichen langen senkrecht verlaufenen Muskelsträngen, die vom Becken und von den seitlichen Wirbelfortsätzen nach oben zu den Rippen ziehen und nur sehr träge reagieren. Sie sind gutmütig und vertragen viel. Wenn einer von den Muskelsträngen wegen einer Verletzung ausfällt, kann das ohne Probleme kompensiert werden. So eine Art Schildkrötenpanzer, der immer dann uns zu gute kommt, wenn wir nicht fliehen können und wir uns schützen müssen.

Der Irrweg der Rückenschulen, Fitnesszentren und der klassischen Medizin

Die vorderen Bauchmuskeln sind also enorm wichtig und müssen auch weiter ihre Funktion beibehalten können. Wenn jetzt die Rückenmuskulatur gestärkt werden soll, weil Rückenschmerzen aufgetreten sind und weil schon die äussere Haltung bei genauem Hinsehen verrät "der Druck nach vorne ist zu stark. Wir müssen unbedingt mehr in die Rückenlage“ (wie es in jungen Jahren ohne weiteres möglich war), dann ist das oberflächlich gesehen durchaus logisch.

Die vordere Muskulatur bleibt der Chef

Wenn, ja wenn man nicht weiss oder vergessen hat (was beides bei Profis nicht sein sollte), dass die vordere Muskulatur immer der Chef bleibt, also stärker ist und den Ton angibt. Denn das Rückentraining ist sinnlos und führt nur noch weiter in die Schmerzen- und Unbeweglichkeitsfalle. Gemeint ist dabei, dass man die Falle nicht sofort am eigenen Körper merkt. Ja, nach den ersten Wochen Training fühlt man sich besser und manchmal auch vom Schmerz befreit. Bei weiterer Muskelbelastung (Training) kommt dann aber der Punkt, an dem man pausieren muss und weiter gezwungen wird darauf zu warten, dass alles wieder besser wird.

Die Rückenmuskulatur hat keine Chance

Was ist passiert? Die Rückenmuskeln werden in der Tat durch die Übungen brav trainiert, Das ist richtig. Aber diese inzwischen überdehnte Muskulatur kann sich nicht mehr, wie die Jahrzehnte davor, nach hinten ziehen. Es wird ihr einfach nicht gestattet. Obwohl sie Knoten bildet, um die Myofibrillen wieder zu verkürzen. Die werden ja dann als schmerzhafte Trigger Punkte von eifrigen Therapeuten mit allen möglichen Tricks glatt gemacht. Eine Sisyphusarbeit, denn die Faszie fängt sofort wieder an zu knoten.

Die vordere Muskulatur ist immer die funktionell stärkere

Die vordere Muskulatur hat sich das ganze ungerührt angesehen. Sobald sie aber merkt, dass sie ihre Schutzfunktion nicht mehr so perfekt ausüben kann, ihre Schnelligkeit verliert und im Vergleich zur hinteren schlechter abschneidet, wird sie alles daran setzen, das wieder auszugleichen. Sie ist schliesslich der Chef. Ohne dass Sie selbst irgendetwas beeinflussen können, ohne dass Sie irgendwelche SitUps oder dergleichen machen, wird mit dem nötigen Aufbau begonnen.

Auch wenn Sie das nicht wollen, vorne wird auch trainiert

Diese Muskeln trainieren also ohne direkten Reiz oder Input alleine, auch während der Nacht.  Es dauert also immer ein wenig bis diese Gegenreaktion einsetzt. Dafür aber umso konsequenter. Das Ergebnis ist dann wieder im Rücken zu spüren. Denn wie in einem Schraubstock wird die ganze Wirbelsäulenkonstruktion fester und fester von der vorderen und hinteren Muskulatur weiter zusammengeschoben.

Bandscheiben werden wie ein Schwamm ausgedrückt

Wird jetzt eine Röntgenaufnahme gemacht, kann man Zwischenwirbelscheiben in einem Bild sehen, die wie ein Schwamm ein wenig zusammengedrückt sind. Noch dramatischer sieht ein nach vorne geschobenen Gleitwirbel aus. Nimmt man die Spannung aus der Wirbelsäule heraus (manuell oder mit Hypnose, dauert ein paar Minuten), dann füllt sich die Bandscheiben sofort wieder auf, die Schmerzen sind weg, der Patient ist gewachsen (hat sich gesteckt) und von einem Gleitwirbel ist nichts mehr zu sehen. Aber wie lange? Am nächsten Tag ist wieder alles beim alten.

Die Erlösung ist nur von kurzer Dauer

Die Ursache, der Schraubstock, der die Wirbelsäule zusammen gedrückt hat, ist wieder da.

Lösung: wer keine Operation möchte, sollte durch Übungen dauerhaft die Spannung aus der Wirbelsäule nehmen. Gar nicht so kompliziert.

Die aktiven Dynamiker sind am meisten betroffen

Gerade die Vorstellung von dem starken Rücken, "der keinen Schmerz kennt", macht alles schlimmer und zwar besonders bei der Gruppe von Leistungsträgern zwischen 30 und 55 Jahren, die besonders aufmerksam für sich sorgen und Wert darauf legen, ihren Körper in Schuss zu halten.

Die Waage wieder auf null Stellen

Es könnte so einfach sein. Wenn man den Mechanismus verstanden hat, geht es lediglich darum, die beiden Muskelgruppen wieder in eine Balance zu bekommen. Die vordere muss verlängert und die hintere verkürzt werden. Das dauert in etwa 8-12 Wochen in denen man pausiert und die Muskeln in Ruhe lassen muss. Danach kann man so viel Sport und Muskelaufbau betreiben wie man möchte und zwar, wenn man es verstanden hat und richtig macht, bis zum Ende aller Tage.

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