Überflüssige Knieoperationen

 

Von Blech, Jörg

 



 

Überflüssige Behandlungen bilden die dunkle Seite der Medizin. Und sie sind verblüffend häufig.

 

Da kommen kranke Menschen und begeben sich in die Obhut der modernen Heilkunde. Sie sehen die blütenweißen Kittel, die bunten Pillen und die blitzenden Bestecke. Was jedoch erhalten sie im Austausch für ihr Vertrauen? 20 bis 40 Prozent aller Patienten, heißt es in der renommierten Medizinzeitschrift "New England Journal of Medicine", werden medizinischen Prozeduren ausgesetzt, die ihnen keinen oder keinen nennenswerten Nutzen bringen.

 

Es geht nicht um Pannen, nicht um das auf der falschen Körperseite amputierte Bein, nicht um die im Bauchraum liegengelassenen Klemmen. Es geht um Heilversuche, von denen schon vorher klar ist, dass sie sinnlos oder gar abträglich sind. Es geht um Schwindel im System.

 

Wer verspürte nicht zuweilen ein Zwicken und Stechen im Knie? Die verschleißbedingte Kniearthrose ist ein Volksleiden, Hunderttausende Bundesbürger werden deswegen jedes Jahr operiert. Kniegelenke werden umspült, Knorpel geraspelt. Doch wozu? "Ich bin sowohl Patient als auch Arzt", erklärte William Tipton, lange Zeit führendes Mitglied der Amerikanischen Akademie der orthopädischen Chirurgen: "Mein Knie ist verbeult, aber ich werde keine Arthroskopie machen lassen. Ich weiß ja, dass sie nichts bringt."

 

Knorpelmaterial und glätten rauhe Oberflächen - fertig ist die Kniegelenkgrundreinigung.Das auch Kniearthroskopie genannte Verfahren kommt zum Einsatz, wenn das Kniegelenk arthrotisch, also verschlissen ist: Knorpel sind abgenutzt oder beschädigt. Ärzte spülen an die zehn Liter Flüssigkeit durch das Knie, gegebenenfalls entfernen sie mit Instrumenten lockeres

 

Die hat sich zu einer extrem häufigen Prozedur gemausert. Insgesamt werden in den deutschen Kliniken jedes Jahr rund 190 000 Knie arthroskopiert; hinzu kommen Hunderttausende Eingriffe, die in Praxen stattfinden.

 

Auch in den USA nährt die Prozedur eine eigene Industrie. Mehr als 650 000fach ausgeführt, sorgt sie für einen Umsatz von 3,25 Milliarden Dollar. Einer, der da lange Zeit tüchtig mitgemischt hat, ist Bruce Moseley. Als Arzt der amerikanischen Basketballnationalmannschaft pflegte er kostbare Sportlerknochen, als Orthopäde am Houston Veterans Affairs Medical Center in Texas behandelte er rheumatische Kniegelenke.

 

Seine meist älteren Patienten hatten in der Regel eine Arthrose, der Knorpel in ihren Kniegelenken war abgerieben. Moseley spülte die Gelenke aus, glättete inwendige Kanten, und seinen Patienten tat es gut.

 

Ehrgeizig wie er war, wollte Moseley nun wissen, ob es denn ausreiche, das Knie bloß auszuspülen, oder ob es nicht noch besser sei, zusätzlich auch noch den Knorpel zu glätten. Eine Kollegin indessen schlug vor, bei der Gelegenheit das Ergebnis auch einmal mit demjenigen einer Scheinoperation zu vergleichen. Denn vielleicht, so der Verdacht der Ärztin, ist an der Arthroskopie ja nur das Ritual segensreich. "Ich sage es wirklich nicht gern", meinte sie, "aber Chirurgie könnte den größten Placeboeffekt überhaupt haben."

 

Das war der Startschuss für eine der größten je unternommenen Studien zu Scheinoperationen. 180 Patienten mit mittelschwerer Kniearthrose wurden nach dem Zufallsprinzip unterschiedlichen Gruppen zugeteilt. Wer in welcher Gruppe war, erfuhr Bruce Moseley aus versiegelten Briefen, die er erst unmittelbar vor der Operation öffnete.

 

Die einen Patienten wurden in Vollnarkose versetzt und intubiert, dann behandelte der Arzt sie arthroskopisch. Wie genau, erfuhr er ebenfalls aus den Briefen: Entweder wurde das Knie durchgespült, oder es wurde gespült und geglättet.

 

Die anderen indes, die Patienten der Placebogruppe, versetzte eine Spritze in einen Dämmerschlaf. Sie erhielten ein starkes Schmerzmittel und wurden über eine Maske mit Sauerstoff versorgt. Moseley ritzte ihnen mit dem Skalpell drei kleine Wunden ins Knie und bewegte das Bein wie bei der richtigen Operation. Ein Assistent goss Wasser in einen Eimer, um die Spülgeräusche zu simulieren. Auch wenn die Probanden schliefen - alles sollte so echt wie möglich wirken.

 

Sämtliche Patienten wurden noch eine Nacht im Krankenhaus betreut und dann entlassen. Niemand erfuhr, was mit seinem Knie geschehen war.

 

Es war aber auch egal: Zwei Jahre nach dem Experiment waren nahezu alle Patienten zufrieden mit dem Eingriff und in vielen Fällen froh, weniger Schmerzen zu haben - ob sie nun operiert worden waren oder nicht. Geholfen hat ihnen nicht der 5000 Dollar teure Eingriff, sondern die suggestive Kraft der Chirurgie.