Meniskus -

der unschuldige Sündenbock

Meniskus-Operationen enttäuschen zu oft.

Meniskus ist eine Scheibe, eine halbmondförmige Trennscheibe zwischen benachbarter Knochenflächen, hier des Ober- und des Unterschenkels. Er besteht aus Knorpelgewebe, deren Randanteile interessanterweise mit fibrösem Bindegewebe verstärkt ist. Wir Menschen haben einen äusseren (lateralen) und einen inneren (medialen) Meniskus. Der innere Meniskus ist deutlich höher und stärker ausgeprägt. Er ist der wichtigere.

Um den Meniskus, und damit auch das Knie zu verstehen, müssen wir beide in einen grösseren Kontext setzen und zumindest die Funktion der Beine im Stehen (statisch) beim Laufen (mobil) und bei Drehbewegungen (Belastung) untersuchen und dabei die jeweils spezifischen Veränderungen der Knochen und Gelenke zwischen Hüfte und Zehen betrachten. Die Mitte und gleichsam die schwächste Stelle davon ist das Knie.

Bisher wenig berücksichtigt in Therapie und Prophylaxe ist der Umstand, dass die Schutzmechanismen der Gelenke auf Zugspannung aufgebaut sind (gegen die Schwerkraft, siehe Tensegrity-Modell). Die Bedeutung der Druckkräfte auf die Gelenke (Schwerkraft, Gewicht) ist in der Vergangenheit überbewertet worden. Das beweist allein schon die feingewebliche Struktur der beteiligten Gewebe, die mehrheitlich auf Zugkräfte ausgerichtet ist. Auch beim Meniskus sind die wichtigsten Teile mit Bindegewebe verstärkt, um Zug auszuhalten. Die Druckauflageflächen (Berührungspunkte der Knochen) sind erstaunlich klein und sind selten beschädigt.

Was passiert, wenn wir laufen? In dem Moment, wo die den Boden mit dem Fuss berühren, wird ein Grossteil der Energie, die wir mit der Ferse aufnehmen in einem Federsystem gespeichert. Die statische Energie ist kurzfristig in potenzielle kinetische Energie umgewandelt worden. Der Speicherort ist das elastische Sehnen- Bindegewebssystem. Diese Kraft können wir sofort verwenden und durch die verschiedenen Möglichkeiten unserer Bewegung in beliebiger Richtung einsetzen. Wenn wir das nicht sofort tun, verschwindet die Energie wieder ungenutzt im Boden. Die sieben Meter weiten Sprünge eines Kängurus sind nicht den Muskeln zu verdanken, sondern der Energiespeicherung in den Sehnen (die sich übrigens in der Länge kaum verändern). Wenn wir laufen oder nicht zu langsam gehen, können wir bei uns denselben leichtfüssigen Effekt beobachten. Bummeln wir dagegen von Schaufenster zu Schaufenster, ermüden wir ziemlich rasch. In technischen Sportdisziplinen versucht man immer mehr die Richtung der Energie bewusst zu lenken und den Ablauf zu optimieren. Wir können also tatsächlich die Energie auf von uns selbst bestimmten Spannungsbahnen im ganzen Körper verteilen. Und zwar durch Zugkräfte nach oben, dem höchsten Punkt entgegen, dem Kopf.

Warum weist gerade der laterale Meniskus die häufigsten Risse auf, der an sich kleinere von beiden und viel weniger mit Druck belastete? Weil die Zugkräfte auf der Aussenseite häufig zu gross werden, da die Hauptbewegung der Unterschenkels in der Bewegung eine Innenrotation verlangt. Der Gelenkspalt wird dann aussen vergrössert. Die Belastung liegt dadurch dann auf der Aussenseite. Wenn dann noch das Fibulaköpfchen mit der Tibia (Schienbein) unbeweglich verbacken ist, wird duch die mangelnde Beweglichkeit der Zug verstärkt. Tibia und Fibula wirken dann wie ein einziger Knochen. Eine Versteifung, die fatal sien kann. Ausserdem besteht ein Ungleichgewicht zwischen dem mittleren Kopf (vastus medialis) und dem seitlichen Kopf (vastus lateralis) des 4-köpfigen Oberschenkelmuskels. Weiter engt eine Disbalance zwischen der vorderen, starken (quadriceps femoris) und hinteren, schwachen Oberschenkelmuskulatur (hamstrings) das Knie ein. Faszien mit entgegengesetzten Vektoren sind miteinander verbacken, behindern sich. Die einzelnen Muskelbäuche können sich nicht mehr frei gegeneinander bewegen. Der ganze Kniespalt leidet unter den inadäquaten Zug- und Druckverhältnissen. Verletzungen und Schmerzen müssen die Folge sein.

Die Knochen richten sich nach den bindegewebigen Spannungslinien. Wenn die Gelenke nicht mehr richtig aufeinander stehen, wenn die Flächen nicht mehr zueinander passen, bekommen wir Probleme. Der Körper mahnt eindringlich durch Schmerzen eine Lösung an. Wenn wir das nicht verstehen und nicht auf die Warnung reagieren, wenn wir warten, bis wirklich ein Schaden entstanden ist und die Gelenke unbrauchbar geworden sind, ja dann konnten früher unsere Vorfahren keine Nahrung mehr finden und mussten verhungern. Heute verhindert dies ein wohlgefüllter Kühlschrank.

Die Fehlhaltung der beteiligten Knochen rührt von einer Muskelschwäche und/oder von verspannten Bindegewebssträngen. Die anormale ist leicht zu identifizieren, ist indes so häufig, dass wir sie inzwischen bei uns und anderen als normal empfinden. So haben wir uns daran gewöhnt, bei jedem eingesunkene Füsse vor zu finden (Senk-, Speiz-, Pattfuss). Das ist die Folge einer Fehlstellung der Fussgelenke. Häufig verursacht durch ungleiche Beinlängen, Beckenschiefstand oder ungünstige Beckenkippung. Eine solche Verschiebung lässt der Körper nicht zu und, um die oberen, wichtigen Organe und Teile, wie Herz, Lunge, Hirn vor Schaden zu bewahren, versucht er durch Absenken der Fussgewölbe und Winkelveränderung in Hüft- und Kniegelenk den Schaden weiter unten auszugleichen.

Durch unausgewogene Belastung unserer Muskulatur mit überwiegende Sitzhaltung und einseitige sportliche Wochenendübungen zum Ausgleich wird die Harmonie zunehmend gestört. Auf der einen Seite entwickeln sich Muskeln, die immer stärker werden und lassen die Gegenmuskulatur verkümmern. Die Knochen biegen sich in entsprechende Richtung. Warum haben die meisten Fussballer O-Beine? Weil die innere Oberschenkelmuskulatur deutlich stärker und ausgeprägter ist und damit sich die an der Innenseite des Beines verlaufende Spannungsstrasse verkürzt. Gleichzeitig wird der Fuss supiniert (nach innen gekippt) Zum Ausgleich werden dann Unterschenkel und Fuss nach aussen gedreht (aussenrotiert), um das Gleichgewicht zu erhalten. Nach einer Zeit neigt dann auch der Oberschenkelknochen zu einer Aussendrehung. Das kann dann Probleme mit der Hüfte oder mit dem Rücken nach sich ziehen.

Um Knieschmerzen und Meniskusprobleme zu beurteilen muss die gesamte Haltung berücksichtigt werden. Nur so kann eine Veränderung eingeleitet werden, die langfristig hält. Die grossen Oberschenkelmuskeln ziehen alle von oben über das Knie zum Unterschenkel. Von unten zerren die Muskeln der Achillessehne vom Fuss bis zum Oberschenkel. Die Seiten des Knies sind durch kräftige Bänder geschützt, im Knie verhindern Kreuzbänder eine zu starke Verschiebung. Wenn ein Teil dieser Bänder oder gar alle versteifen, härter werden und sich verkürzen, dann ist die Druckspannung auf alle Gewebe im Knie erheblich. Der knorpelige Anteil des Meniskus enthält weder Nerven noch Gefässe, also sind von hier auch keine Schmerzen zu erwarten. Die Versorgung mit Sauerstoff und „Nahrung“ wird zunehmend schlechter, da der Austausch nur über einen sogenannten Schwammeffekt erfolgen kann. Der Schwamm (Knorpel) muss zusammengedrückt werden, um Flüssigkeit aus zu pressen und er braucht die Ausdehnung, um wieder Flüssigkeit auf zu nehmen. Das heisst, ein funktionierender Knorpel braucht die Belastung. Er ist dafür geschaffen worden. Eine Schonung durch dämpfende Massnahmen bedarf einer besonderen Indikation und kann keinesfalls eine Dauerempfehlung sein. Der Meniskus (Knorpel) verlangt diesen Pumpeffekt und braucht vor allen Dingen die Entspannung, um Flüssigkeit auf zu nehmen. Sonst trocknet er aus, wird rissig und brüchig, das Knie ist geschädigt.

 

Daraus folgt, wer Knieprobleme hat, sollte darauf achten und darauf hin arbeiten, dass

  • die Gelenke genügend Spielraum haben (Femur-Tibia, Patella-Femur-Tibia, Tibia-Fibular, häufig völlig eingerostet)

  • die Unterschenkel weder aussen- noch innenrotiert sind

  • das Ilio-Tibal-Band weder auf der vorderen noch der hinteren Muskulatur verklebt ist

  • ein Gleichgewicht der Oberschenkelmuskeln besteht zwischen innen und aussen und besonders wichtig zwischen vorne und hinten

  • die Achillessehnenmuskulatur nicht verkürzt ist

 

Um die Harmonie im Knie wieder herzustellen werden wahrscheinlich auch Übungsmassnahmen für Hüfte, Becken und Füsse notwendig werden.

Hier einige Tests, die Sie selbst durchführen können

Ist der Unterschenkel aussen- oder innenrotiert?

Markieren Sie auf ihrer fast kreisförmigen Kniescheibe den inneren und äusseren Rand mit einem Punkt. Nun suchen Sie den groben Höcker unterhalb auf dem Schienbein auf. Er ist gut zu tasten, denn er liegt unmittelbar unter der Haut, und machen dort ebenfalls einen Punkt. Die drei Punkte sollten jetzt ein gleichschenkliges Dreieck ergeben. Sie können jetzt selbst beurteilen, wie weit das Schienbein nach aussen oder innen gebogen ist. Nur, wenn der Punkt in der Mitte liegt, steht der Unterschenkel richtig.

Haben die Unterschenkelmuskeln vorne und hinten dieselbe Spannung?

Sie lassen die Füsse der gestreckten Beine zum Beispiel 30 cm aus dem Bett ragen. Entspannen Sie die Beine und ziehen nun langsam die Füsse zu sich hin (die Zehen bewegen sich auf Ihr Gesicht zu). Bleibt der angezogene Fuss auf derselben Linie wie der in der Ausgangslage entspannte oder weichen die Füsse (oder einer der Füsse) nach innen oder aussen ab? Sind die Fusswinkel noch gleich? Am besten lassen Sie diesen Test von einer anderen Person beurteilen, indem Sie selbst an die Decke schauen. Ihr Auge könnte beim Beobachten der Füsse eine selbständige Korrektur vornehmen.

Wie verteilen Sie Ihr Gewicht auf Ihre Füsse?

Stellen Sie sich ganz locker hin. Jetzt betrachten Sie Ihre Füsse von oben. Wie weit stehen die Füsse auseinander? Bei mehr als zwei Fussbreiten besteht ein Gleichgewichttsproblem nach beiden Seiten. Zeigt der rechte Fuss ein wenig weiter nach aussen? Dann ist wahrscheinlich Ihr rechtes Bein kürzer. Wenn Ihr Vorderfuss verdickt ist oder Sie sogar einen Hallux valgus aufweisen, dann ist Ihr Gewicht zu weit nach vorne verlagert.

Die jeweiliger Konsequenzen daraus sind als Veränderungen über Wirbelsäule, Schultergürtel bis zum Kopf sichtbar. Eine neue Problemzone ist im Begriff zu entstehen.


Überflüssige Knieoperationen