Schrauben im Kreuz

 

Von Schulz, Matthias

 

Mikrozangen, Bandscheiben aus Metall - mit neuen Techniken versprechen Mediziner Heilung beim Rückenschmerz. Doch nicht wenige der Operierten enden als Krüppel.

 

Waldimar Siffl, 52, ein Vertreter für Hydranten und Spezialventile, leidet wie Millionen andere Bürger unter kaputten Bandscheiben. Die Stoßdämpfer in der Wirbelsäule sind verschlissen und drücken auf den Nerv.

 

Bei Siffl steigerte sich das Leiden. Im November 1999 bekam der Mann aus Postbauer-Heng (Bayern) plötzlich Probleme beim Wasserlassen. Ein taubes Gefühl kroch vom Gesäß hinunter zum Bein. "Am Nachmittag konnte ich den Fuß nicht mehr heben."

 

Ein Taxi brachte den Mann in die Klinik Rummelsberg in Schwarzenbruck. Der Chefarzt riet zur "Spondylodese". Der Name steht für einen rustikalen Eingriff.

 

Am 7. Januar 2000 rollte der Patient bewusstlos in den OP. Mit dem Skalpell öffnete ihm der Operateur die Bauchdecke und drückte den Darm zur Seite. Auch am Rücken wurde ein riesiger Schnitt gesetzt. Sodann schickte sich der Arzt an, die Lendenwirbel L 4 und L 5 und das Heiligenbein S1 mit Metall zu versteifen. Vorbei an empfindlichen Nervenfasern versenkte er sechs Schrauben aus Titan.

 

Erst nach elf Stunden wachte Siffl auf. Sein Leib war umpanzert von zwei Hartschalen aus Gips. "Ich fühlte mich wie eine Schildkröte", erzählt er.

 

Gebracht hat die Tortur nichts. Heute, drei Jahre nach der Operation, nimmt Siffl opiathaltige Schmerzmittel und klagt beim Sozialgericht Regensburg gegen die Bundesversicherungsanstalt für Angestellte (BfA). Er fühlt sich erwerbsunfähig und fordert Geld.

 

Streitereien dieser Art sind Legion. Über 54 000 Kreuzkranke erhielten im letzten Jahr Frührenten. Häufig geht es in den Prozessen um die Frage, ob der Betroffene völlig invalid ist oder ob er vielleicht doch noch "vier Kilo" heben und "drei bis sechs Stunden" arbeiten kann.

 

Daran wird sich so schnell nichts ändern. Trotz Hightech-Medizin bereitet die Skelettsäule des Homo sapiens Kopfzerbrechen. An Hexenschuss und verspannten Nacken leiden Millionen. Die Gesamtbelastung fürs Gesundheitssystem liegt mitsamt der Arbeitsausfälle pro Jahr bei 17 Milliarden Euro.

 

Ursache der Qualen sind meist jene blutleeren Puffer, die wie Eishockeypucks aussehen und zwischen den Wirbeln für Federung sorgen. Außen bestehen die Bandscheiben aus Knorpel, innen aus Gallerte. Werden die Ringe zu stark belastet, können sie ausbeulen und drücken auf den Nervenkanal (siehe Grafik). Rasende Schmerzen bis hin zur Lähmung sind die Folge.

 

Die Ärzte begegnen dem Verschleiß anfangs mit Gymnastik oder Akupunktur. Auch die Chiropraktiker, die Kreuzgeplagte auf Streckbretter spannen, verzeichnen Erfolge. Versagen diese modernen Folterknechte, hilft meist nur noch die Operation.

 

Vor allem auf dem Gebiet der Mikrochirurgie hat sich das Angebot in den letzten Jahren sprunghaft ausgeweitet. Winzige Zangen und Laser wurden entwickelt, um Bandscheiben endoskopisch zu entfernen. Die Alpha-Klinik in München fräst schadhafte Knorpel mit einem Bohrkopf weg, der nicht größer ist als ein Streichholzkopf.

 

Bei genauer Betrachtung liefert die Schlüsselloch-Medizin allerdings eher unbefriedigende Ergebnisse. Laut Studien liegt die Erfolgsquote der Verfahren zum Teil unter 65 Prozent.

 

Bis heute seien die minimalinvasiven Verfahren den Beweis schuldig geblieben, der klassischen offenen OP-Methode überlegen zu sein, resümieren die Bonner Orthopäden Klaus-Peter Schulitz und Kurt Schöppe in einer vergleichenden Studie. Ihre Warnung: Vorsicht vor den Heilsversprechern.

 

Besonders die Abschwelltechnik ist ins Gerede gekommen. Bei diesem Verfahren wird ein Cocktail aus Kortison und Enzymen an die lädierten Stoßdämpfer gespritzt, um sie zum Schrumpfen zu bringen. Mario Brock, Chefarzt am Berliner Klinikum, nennt das Verfahren eine "unheilvolle Bauernfängerei": "Viele Patienten bekamen nach der Behandlung Eiterbeulen, anderen wurde der Penis taub."

 

Mehr Hoffnung verspricht neuerdings eine (von der Hamburger Firma Link hergestellte) Bandscheibe aus Metall. Sie hat etwa den Durchmesser eines Eurostücks und besteht aus Kobaltchrom. 5500 dieser Prothesen sind bislang weltweit verpflanzt worden, allein im letzten Jahr 2000.

 

"Wir stehen vor dem Durchbruch", behauptet ein Sprecher der Firma, die weltweit (noch) ohne Konkurrenz dasteht.

 

Einziger Nachteil: Nur fingerfertige Hände können die Puffer einbauen. Operiert wird ventral, also vom Bauch aus. Dabei müssen Muskelstränge und Fettschichten großflächig durchtrennt werden. Dann stellt sich die Beinschlagader in den Weg. Ein falscher Schnitt, und es spritzt Blut.

 

Besonders das Einsetzen des Implantats erfordert Kraft und Geschick. Mit ungeheurem Druck pressen die einzelnen Wirbel aufeinander. Um sie aufzuspreizen und die Prothese dazwischenzuschieben, benutzen die Ärzte eine lange Spezialzange, "Wagenheber" genannt.

 

Zu den Frontleuten der neuen OP-Technik gehört der in München tätige Orthopäde Willem Zeegers. Von Australien bis China hat er insgesamt 800 Operationen durchgeführt und seine Kollegen in die Geheimnisse der Wirbelprothetik eingeführt.

 

In Deutschland haben mittlerweile rund 30 Kliniken die neue Metallfeder im Angebot. Ihre Vorteile liegen auf der Hand. Statt die Wirbel mit Stahlschrauben zu verrammeln, bleibt die volle Beweglichkeit erhalten. "Vor allem bei jüngeren Patienten", so Zeegers, "lohnt sich der Eingriff."

 

Der Alltag in den Kliniken indes sieht noch anders aus. Wenn es gilt, lädierte Bandscheiben komplett auszuräumen und die dann wackelige Wirbelsäule zu festigen, greifen die Ärzte immer noch mit Vorliebe zu Schrauben, Blechen und Widerlagern.

 

Dass diese Art der Knochenblockade bei den Betroffenen wenig beliebt ist, versteht sich von selbst. Drei Jahre habe sie den Eingriff hinausgezögert, erzählt die Spondylodese-Operierte Elisabeth Theis aus dem Saarland. Erst als ihr ständig der linke Fuß wegknickte, wagte sie den Schritt in die Klinik.

 

Noch vor wenigen Jahren fixierten die Mediziner ohne Bedenken auf einen Schlag vier oder gar fünf Wirbel. Heute sind solche Taten tabu. Der Grund: Die Verschraubung wirkt wie ein Hebel - und schädigt die daneben liegende Bandscheibe. Doch auch die Erfolgsquote lässt zu wünschen übrig. Jeder vierte Patient hat nach der Verschraubung genauso viel Schmerzen wie vorher.

 

Beim bayerischen Bandscheiben-Lazarus Waldimar Siffl brachte der Eingriff nichts. In der Nacht vor seiner Dreifachverschraubung fand er keinen Schlaf, diesmal aus Angst. "Ich musste zwei Liter Eigenblut spenden", erzählt er. Nach der Entlassung lief er ein halbes Jahr in Stützmiedern herum.

 

Dann kam erneut der Schmerz.

 

Nun liegt der Fall vor dem Sozialgericht. Der BfA sind solche Fälle gut bekannt. In ihren eigenen Leitlinien schreibt die Behörde, dass nach einer Spondylodese "auch bei intensiven rehabilitativen Leistungen kein vollschichtiges Leistungsvermögen" mehr erreicht werden könne. Im Klartext: Die Leute sind malad.

 

Von diesem Grundsatz will die BfA jetzt allerdings nichts mehr wissen. Siffl sei sehr wohl in der Lage, ganztags als Ingenieur zu arbeiten, heißt es im Ablehnungsbescheid der Rentenanstalt - allerdings nur "in wohltemperierten Räumen überwiegend im Sitzen", ohne Stress und Hektik und vor allem "ohne Rumpfbeugen und ohne Heben von Lasten".

 

Doch solche lockeren Jobs, heißt es, gebe es durchaus. Und dann verrät die BfA auch wo: "im öffentlichen Dienst".

 

31.03.2003