L5/S1 - Treffer, versenkt

 

Von Tuma, Thomas

 

Rückenschmerzen gelten als verbreitetste Volkskrankheit in Deutschland. Was ein Bandscheibenschaden wirklich bedeutet, weiß erst, wer selbst wie eine windschiefe Vogelscheuche durch die Welt humpelt - ein Erfahrungsbericht von SPIEGEL-Redakteur Thomas Tuma.

 

Schon die Aussicht geht einem durch Mark und Bein: Links wartet ein junger Arzt mit grüner Bleischürze und Mister-Spock-Topffrisur. Vorn steht ein Röntgen-Monitor, der ein Live-Bild meiner Wirbelsäule zeigt. Und unter meinem Kinn liegt ein kunstledernes Kissen, das nach der Todesangst der letzten Patientin riecht.

 

Bis der teilnahmslose Zivi die Frau wieder herausrollte, stöhnte sie eine schiere Ewigkeit durch die Tür. Also etwa fünf Minuten. So lange dauerte es, bis Mister Spock mit seiner Nadel den Nerv in ihrem Rücken gefunden hatte.

 

Rücken? Nadel? Nerv?

 

Die Behandlungsmethode nennt sich wahrscheinlich schon deshalb "konservativ", weil sie so erstaunlich archaisch daherkommt: ohne großes OP-Gedöns, ohne Erfolgsgarantie und vor allem ohne Betäubung.

 

Das ist ja gerade der Witz daran, daß die Kortison-Spritze erst dann im Zielgebiet detoniert, wenn sie zugleich den Schmerz bis in die Fußnägel treibt.

 

"Sooo!" sagt Mister Spock fröhlich. "Dann wollen wir mal", obwohl hier eigentlich nur einer will. "Versuchen Sie, jetzt möglichst nicht zu zucken." Natürlich zuckt es. Und wie es zuckt. Es zuckt derart heftig, daß die Nadel schon beim Einstich ein Stück vom anvisierten Weg abrutscht und an einem Knochen zum Stillstand kommt. Zwischen den Ohren kratzt ein leises Schaben. Ggrch.

 

Neuer Versuch. Nur nicht aufgeben! Und bloß nicht wieder zucken! An was Schönes denken! An jene Zeit, als man noch wie ein junger Hund beschwerdefrei durch die Welt tollen konnte. Als das Wörtchen Bandscheibe nach schmerbäuchigen Taxifahrern und deren klackernden Holzkugelsitzmatten klang. Nach grauen Panthern in Trevirahosen, Midlife-crisis oder wenigstens Sozialstaats-Wasserkopf.

 

"Na, Sie hat's ja ganz schön erwischt", lächelt Mister Spock, als wolle er sagen: Willkommen im Club! Schönen guten Tag in einer Welt voller Physiotherapeuten, bonbonfarbener Sitzbälle und Reha-Zentren. Grüß Gott bei der schweigenden Mehrheit der Chronischkranken. Zutritt nur mit Mitgliedsausweis, d. h. Computertomographie. Mach's dir bequem, denn so schnell kommst du hier nicht mehr raus, du Bürokrüppel, Sportfeind und Bewegungs-Minimalist! 34 Jahre alt? Ts, ts, ts!

 

Zur Strafe ist deine neue Heimat der Schmerz, die Adresse einfach zu merken: L5/S1. Klingt wie beim Schiffeversenken: Treffer, versenkt. Sind aber die knöchrigen Wirbelnummern zwischen Lende und Steißbein, in der Nachbarschaft jener Bandscheibe, die bei dir aus dem Lot geraten ist. Nun drückt sie auf deinen Nerv, deine Gegenwart, deine Zukunft, alles eben. Nur der Humor funktioniert noch.

 

"Kräftiger medialer Prolaps mit beginnender Wurzelirritation", lautete die letzte Diagnose. Und damit wenigstens diese Wurzel nicht mehr allzu irritiert ist, soll sie jetzt mit Kortison bei Laune gehalten werden. Man operiert Bandscheiben ja heute nicht mehr so schnell. Man stichelt lieber erst mal. Wurzelblockade, die erste.

 

"Sooo", schmeichelt Mister Spock. "Jetzt kommen wir der Sache näher." Er arbeitet sich spürbar vorwärts. Ich schließe die Augen und sehe einen Film. Einen schlechten. Er beginnt wie eine dieser deutschen Kino-Krisenkomödien, wo unrasierte Männer morgens im Badezimmerspiegel der eigenen Frührente entgegengrienen, weil sie plötzlich merken, daß sie den Kopf nicht mehr auf Höhe des Wasserhahns herunterbiegen können. Der Typ war ich. Und vor dem Spiegel begann eine neue Karriere.

 

Probier's mal mit ABC-Salbe, riet meine Frau. Mehrere Nächte lang lag neben ihr ein flammendes Inferno im Bett. Geh zum Arzt, sagten Freunde bald. Feinde auch. Wahrscheinlich konnten sie die geschäftsschädigende Grimasse und das regelmäßige Alt-Herren-Geschnaufe nicht mehr ertragen. Am besten zu Doktor Soundso, "der beste der ganzen Stadt". Nein, sagten andere. Professor Der-und-der ist "ab-so-lut unübertroffen". Seither war wenigstens für Gesprächsstoff gesorgt.

 

Ich schaute in die Gelben Seiten, stellte fest, daß es in Hamburg mehr Orthopäden, Neurochirurgen und Sportmediziner als Bestattungsunternehmer gibt, und suchte einen in der Nachbarschaft heraus, der offenbar schwer beschäftigt war.

 

Gutes Zeichen, dachte ich und bekam einen Termin in zwei Monaten um 8.45 Uhr, schickes Wartezimmer-Ambiente inklusive: stahlgefaßte Lackschränkchen und abstrakte Bilder einer Lokalkünstlerin. Auf Schildchen stand "1300 Mark" oder "Verkauft". Gute Gegend.

 

Der erste Lagebericht war schnell erstellt: ein blockierter Lendenwirbel. Wahrscheinlich. "Prima für den Arzt, nicht ganz so prima für den Patienten. Sie wissen schon, wie ich das meine", strahlte der Mann. Es klang wie: nicht lebensgefährlich, nur langwierig, zeitaufwendig und teuer.

 

Jetzt also sollten sich die hohen Kassenbeiträge endlich lohnen. Zahltag im Club Med. Mit meiner Hilfe könnte ein Orthopäde seine Kinder problemlos zum US-Highschool-Aufenthalt nach Massachusetts schicken. Aber das wußte ich damals noch nicht.

 

Die Monate vergingen mit computergesteuerter Streckbank samt kochenden Moorpackungen, zu der mich weißkittelige Hilfskräfte nach dem dritten Mal wie einen Stammgast begrüßten: "Na, wollen wir wieder zwei Zentimeter länger werden." Wir wurden dadurch vielleicht länger, glücklicher jedenfalls nicht.

 

Der Schmerz blieb. Er hockte im Rücken wie in einem warmen Nest. Manchmal schlief er, manchmal krähte er lauthals. Er war ein Vogel, der sich noch nicht entschieden hatte, ob er als Wellensittich verenden oder als Mäusebussard die Lufthoheit erobern wollte.

 

Er war noch nicht flügge und überstand doch jeden Angriff von außen - auch die "Hydrojet"-Massage, zu der man sich auf eine Art Wasserbett legen darf. Die 15 Mark teure Viertelstunde fand im schummrig-abgedunkelten Keller-Séparée eines gutbesuchten "Therapiezentrums" statt, wohl auch, weil die Kasse keinen Pfennig dazubezahlt. Soll aber bereits Wunder bewirkt haben. Vielleicht wäre Lourdes eine Alternative?

 

"Mein Orthopäde" (man kannte und schätzte sich mittlerweile) versuchte es danach lieber mit einer schlammfarbenen Bauchmanschette, die den Rücken gerade halten sollte. Naja, wenn's hilft.

 

Es half nicht. Und so saß ich Wochen später einer freundlichen Krankengymnastin gegenüber.

 

Krankengymnastik ist die Vorstufe zur Entdeckung von Zen-Buddhismus oder Tai Chi. Irgendwie angesagt. Irgendwo ein Ausweg. Irgendwann eine Hilfe. Sagen Bekannte, also alle. Die Krankengymnastik sagt: Entdecke dich selbst, bevor's der Arzt tut. An Krankengymnastik muß man glauben. Meine persönliche Hohepriesterin fand jedenfalls schnell heraus, was an mir in den vergangenen Büro-Jahren alles verkümmert war. Als ob das ein Wunder wäre.

 

Wir sitzen doch alle, und zwar den ganzen Tag: beim Frühstück, im Auto, bei der Arbeit, beim Mittagessen, im Kino, Theater und auf dem Klo. Nicht mal gehen ist sonderlich gesund, weil die Wirbelsäule dann bei jedem Schritt gestaucht wird, sagen Fachleute. Leider hat sich das auch nach fünf Millionen Jahren nicht bis in unser Kreuz herumgesprochen. Rein physiologisch gehören wir weiter zu den Vierbeinern.

 

Ich bekam als Hausaufgabe tägliche Dehn- und Streckübungen verordnet, die ich nach dem Leistungsprinzip zu bewältigen hoffte. Viel. Heftig. Schnell. Drei Wochen später war an aufrechten Gang nicht mehr zu denken. Die Hochzeit eines Freundes verbrachte ich in hockender Position.

 

Der Schmerz war erwachsen geworden. Das Küken hatte sich zum Steinadler gemausert: stolz, überheblich, hungrig. Stündlich eroberte er neue Jagdgründe. Er weckte mich frühmorgens und stieß mich spät nachts zu Bett. Er krumpelte mich zusammen in seinen Krallen. Er riß am Oberschenkel herum, dröhnte mitunter durchs Hirn wie ein Rührbesen im Eidotter und kreischte bis in die Ferse. Nur der Fuß rebellierte gegen all das Getöse. Er stellte sich taub.

 

"Bandscheibe, nich?" sagte plötzlich einer der Hochzeitsgäste, der sich zu mir heruntergebeugt hatte. "Wie bei einem Bekannten von mir." Dem habe jahrelanges Yoga geholfen. Der Abend war gerettet.

 

Eine Woche später sah mein Orthopäde (hatte er eigentlich schon Post von seinen Sprößlingen aus Massachusetts bekommen?) nicht mehr so glücklich aus. Er schickte mich zu befreundeten Radiologen, deren riesige Gemeinschaftspraxis einer Peepshow auf Krankenschein ähnelt: lauter kleine Kabinen, in denen sich aber nur die Kundschaft auszieht, um schließlich im Computertomographen zu verschwinden wie in einer stählernen Gebärmutter.

 

Wer zum erstenmal Vater wird, lernt einen völlig neuen Kosmos kennen voller Kaufhaus-Wickelräume, Freizeitparks und Stadtteil-Kasperletheater. Wer Rückenschmerzen bekommt, wird irgendwann von einer sanften Radiologin gefragt: "Wollen Sie dabei Musik hören?" Sie wußte, weshalb.

 

Der Kopfhörer saß kaum, da ratterte ein Gerät los, das diesen bleichen Körper wie eine Wurstmaschine ohrenbetäubend in optisch feine Scheiben schnitt. In der engen Grabkammerröhre war Zeit für ein Gebet, aber nicht genug Platz, ein Testament aufzusetzen.

 

"Sieht nicht gut aus", begrüßte die Sprechstundenhilfe ihren Stammkunden am nächsten Tag und machte für eine Sekunde ein trauriges Gesicht. "Sieht nicht gut aus", sagte mein Orthopäde und präsentierte das Röntgenbild.

 

Wäre es eine Straßenkarte gewesen, hätte mein Nervenkanal der A 9 Berlin-München geglichen. Etwa bei Nürnberg verschob eine Art Schlammlawine die Trasse. Die Moräne war der Prolaps, wie wir Fachleute sagen. Dort hatte sich die wirbelpolsternde Gallertmasse einen Ausweg gesucht vor Streß und schlechter Haltung, dauerndem Sitzen und falschem Gehen.

 

Am nächsten Tag lag ich in einer wunderschönen orthopädischen Fachklinik. "Sollte die konservative Behandlung nicht anschlagen", sagte mein tapferer Orthopäde, "operiere ich Sie natürlich auch." Vielleicht haben seine Kinder angekündigt, nach Massachusetts auch noch für ein halbes Jahr in Paris studieren zu wollen? Nein, er war wirklich besorgt.

 

"Wenn Operation, dann nur vom Neurochirurgen", warnte zu Hause ein Nachbar. Da lebten wir jahrelang nebeneinander her, und nun entpuppte sich der Mann als Wirbelsäulen-Veteran - und Club-Mitglied.

 

Vor der zweiten Wurzelblockade frage ich Mister Spock bemüht beiläufig, ob Neurochirurgen bei Bandscheiben-Eingriffen anders vorgingen. Ich hätte gehört, die seien mit dem Nerv ja besser vertraut. Irgendwie. Sozusagen. Dafür sei manchen von denen das Knochengewebe ziemlich egal, ist die kühle Antwort, während mir klar wird, daß da eine Fachrichtung die andere für approbierte Pferdemetzger hält. Der zwischen den Fronten auf den Gnadenschuß wartende Gaul bin jedenfalls ich.

 

Und wie befohlen trotte ich eine halbe Stunde nach dem Eingriff wieder über die Koppel im Schatten der Klinik zur Belastungsprobe. Zwar drohe ich umzufallen bei dem Versuch, mich auf das linke Bein zu stellen. Dafür scheint auch der Nerv endlich narkotisierte Ruhe zu finden.

 

Ich horche in mich hinein wie neuerdings häufig. Hallo? Keine Antwort. Geht doch. Bis zur Bank, dann wieder zurück zum Wintergarten, wo merkwürdige Menschen "Lord Extra" rauchen und zu ihren Badeschlappen lilafarbene Jogging-Kombinationen tragen. Sie joggen aber nicht. Sie sitzen.

 

"Bandscheibe?" Ich nicke. Die anderen grinsen. Auf den Plastikstühlen harren zwei Prolapse, ein doppelter sowie etliche kaputte Wirbel. "Damit fing's bei mir auch mal an", sagt einer und erzählt, daß er am nächsten Samstag als lebendes Ausstellungsstück einen medizinischen Fachkongreß dekorieren dürfe. Abseits in einer Ecke steht ein junger Mann und hält sich an einer Krücke fest. Als popeliger Prolaps fragt man natürlich nicht, aber der scheint so was wie der Häuptling zu sein.

 

Buschvölker, heißt es, klagen nie über Rückenschmerzen. Vielleicht, weil sie den ganzen Tag durch den Busch rennen. Vielleicht aber auch, weil sie gar nicht wissen, daß es Bandscheiben gibt, die wehtun können. Und vielleicht ist es ja auch ein Fehler, möglichst viele Informationen über das bißchen Gallertpampe aufzusaugen.

 

Suchen Sie nur mal in einem Zeitungsarchiv nach "Bandscheibe"! Da taucht ein Ulmer Orthopäde auf, der sich Drucksensoren ins Rückgrat schrauben ließ, um festzustellen, daß Sitzen auch nicht anstrengender ist als Stehen. Da werden Gel-Implantate gefeiert, die verschrumpelte Bandscheiben ersetzen sollen. Und ein Zahnarzt (!) aus Bad Vilbel (!!) will Rückenleiden neuerdings interdisziplinär behandeln. Vielleicht liegt dem auch der Nachwuchs mit Massachusetts in den Ohren.

 

Der Querverweis "Kunstfehler" führt dagegen von den USA geradewegs ins Nirwana hauptberuflicher Hypochonder. Da gibt es junge Frauen, die sich wegen einer eher harmlosen Wirbelsäulenverkrümmung (Skoliose) operieren ließen und - vom Hals abwärts gelähmt - im Rollstuhl enden. Mal werden aus Versehen die falschen Bandscheiben herausgeschnitten, mal vernarbt die Wundhöhle, was zu neuen Schmerzen und einem Abo-Platz auf dem Schneidetisch führen kann.

 

Es reicht, wenn der Arzt kurz abrutscht, ratzfatz ist sportmäßig nur noch Figurenpinkeln oder Schachspielen angesagt. Sagt ein Mitpatient. Und wenn es gut läuft, droht das Problem Jahrzehnte später in die nächste Bandscheibe einzubrechen wie eine Abrißbirne in morsche Holzbohlen. Sagt Mister Spock, wenn auch nicht ganz so deutlich.

 

Es ist Abend, und er schaut kurz vorbei, die Sporttasche lässig geschultert. "Na, besser?" "Oh, ja, viel besser." "Mensch, also das wär' ja echt klasse." Er scheint keine Kinder zu haben, die nach Massachusetts wollen. Werde ich mit meiner eigenen zweijährigen Tochter je wieder über ihren Lieblings-Spielplatz hüpfen können? Nach einer Woche assoziiert sie mühelos: "Papa Krankenhaus wohnt."

 

Naßkalt hetzt der Herbstwind draußen welke Blätter vor sich her. Der große Pulk der Bandscheiben drückt sich derweil unverdrossen im Rauchereck herum. Nur der Steher bleibt wie immer ein bißchen abseits. Ehrfürchtig bestaunt.

 

Krankengeschichten werden hier wie Quartettkarten getauscht. Eine Frau leidet seit drei Jahren. Jetzt brachen ihr in der Küche die Beine weg. Einfach so. Akute Lähmung. Morgen ist sie dran. OP. Muß sein. Alle nicken. Eine Skoliose strahlt, sie habe gerade eine "Wunderspritze" in ihre Bandscheibe bekommen und sei nun völlig schmerzfrei.

 

Die anderen lächeln gequält und fragen sich, wer hier am Tisch zu den happy 50 Prozent gehören wird, die rein statistisch am Ende ohne Schnitt wieder aus der Klinik marschieren? Traurig-stumme Abzählreime im Glutschatten der Gute-Nacht-Zigarette.

 

"Dann wollen wir mal wieder", lacht Mister Spock am nächsten Morgen. Nach fünf Minuten raunt er genießerisch meinem Nerv entgegen: "Mmmh, voll erwischt." Es zuckte kein bißchen. Er ist stolz, sein Patient auch.

 

Der Tag hat längst einen beruhigenden Rhythmus angenommen, der zwischen 7.30 Uhr (Aufstehen) und 17.30 Uhr (Abendessen) allerlei Höhepunkte bereithält: vom elektrolytischen Stangerbad bis zur Schwimmgymnastik, zu der eines Morgens auch so eine Art Arnold Schwarzenegger in knackrotem Badehöschen humpelt: völlig schief und kaum fähig, sich über dem seichten Wasser zu halten.

 

"Schauen Sie mal", stachelt ihn die Therapeutin an, "wie's Herr Tuma macht." Vor König Bandscheibe sind alle gleich, sogar die ganz Harten. Den Rest-Schmerz grinse ich mühelos weg.

 

Am Abend sitzt der Steher plötzlich. Es stellt sich heraus, daß er an der Bandscheibe operiert worden war und zehn Tage nur liegen oder kerzengerade stehen durfte - auf dem Klo, beim Essen, zur Zigarettenpause. Wahnsinn, sagt der Rest. Jetzt fühle er sich wie neugeboren, sagt er. Vielleicht ist das doch die Lösung: ein kleiner Schnitt für den Profi, ein großer für mich? Und dann zehn Tage im Club Med den Häuptling spielen?

 

"Mmmh", grübelt mein kundiger Orthopäde bei der Visite und reißt mein linkes Bein in die Höhe. "Der Ischias ist immer noch gereizt." Er wolle mal so sagen, sagt er mal so: Mit Operation dauere die Heilung sechs Monate, ohne ein halbes Jahr. Drei Tage und eine letzte Wurzelblockade später gehe ich aufrecht den Flur entlang Richtung Freiheit. Vorbei an Schwarzenegger, der schon wie ein drogensüchtiges S an der Wand lehnen kann. Glückwunsch! Wird doch.

 

Der Himmel strahlt, ich blinzele in die herbstgelbe Sonne, wo angeblich das Damoklesschwert hängt, das mein Orthopäden-Orakel düster prophezeite: "Es kann jederzeit wieder runterkommen." Dagegen schützen vorerst ein Rezept für zehnmalige Reha und ein hastig zurechtgezimmerter Überbau guter Vorsätze. Der trägt allerdings nicht lange.

 

Schwimmen - teilweise gestrichen, weil man nach 1000 Meter Brust mit starrem Nacken aus der Chlorbrühe klettert. Beim viel gesünderen Rückenschwimmen droht dagegen ein Schädeltrauma, weil man mitunter auf andere Bandscheiben-Opfer prallt. "Könn' Se nich' gucken?" "Ham Se hinten Augen?"

 

Fahrradfahren - verschoben, weil erstens Schlaglöcher jeden Stoß zum Nerv durchreichen, zweitens offenbar fast nur noch Mountainbikes ab 1500 Mark verkauft werden, die - drittens - aussehen, als bräuchte man dafür einen Waffenschein.

 

Und Joggen? Abgehakt, weil dafür von jedem Rückentrainingsbuch - also von mindestens 500 Spezialisten im gutsortierten Bahnhofskiosk - nur supersoftieweiche Waldwege empfohlen werden.

 

Vielleicht ist das überhaupt die Lösung: Ein Standardwerk schreiben als Selbsthilfe. So was wie "1000 Tips für 24 Wirbel". Damit ließe sich bestimmt eine Schweinekohle verdienen bei angeblich rund zehn Millionen Rückenkranken in Deutschland.

 

Zu meinem Alltag gehört längst die regelmäßige Lektüre von "Ortho Press", dem Info-Magazin "für Patienten, Ärzte und Therapeuten", das Knaller wie neue Strategien gegen Hüftextension ebenso bereithält wie lustige Reklame der Sorte "Schmerz kommt. Schmerz geht. Epi-med."

 

Ich weiß, daß es eine Bundesarbeitsgemeinschaft für Haltungs- und Bewegungsförderung gibt, einen Bundesverband der Deutschen Rückenschulen und eine Aktion "Gesunder Rücken", die ihr Gütesiegel an ausgesuchte Matratzen und Bürostühle pappt. Das Forum "Gesunder Rücken - besser leben" trifft sich wahrscheinlich einmal im Jahr in einem verschwiegenen Eifel-Hotel auf mitgebrachten Pezzibällen. Ich kenne Sitzball-Videos wie "Jetzt geht's rund" und jeden Muskelaufbau-Trick meines Reha-Zentrums, wo die Krankengymnastinnen "Physiotherapeuten" heißen und Michael oder Uwe.

 

Alle duzen sich, und nach Fango und Massage geht's in den Fitneßraum, der aussieht, als käme gleich der echte Schwarzenegger um die Ecke. Die einzig Durchtrainierten sind - neben den Michaels - die Kreuzbandrisse. Der große Rest der Bandscheiben ähnelt bestenfalls Karl Dall. So was therapiert auch eigene Komplexe. Und während wir Seit an Seit auf den ergonomisch geformten Heimtrainern der erhofften Genesung entgegenstrampeln, quält sich unter dem Fenster der morgendliche Berufsverkehr vorbei: Bürokrüppel, Sportfeinde und Bewegungs-Minimalisten. Ts, ts, ts!

 

Fast ein Jahr ist nun vergangen. Der mühsam domestizierte Schmerz und ich feiern demnächst Geburtstag. Er hat mich milde gemacht und verständnisvoll, demütig und dankbar für den kleinsten Fortschritt. Er hat mir die Augen geöffnet, den Rücken noch nicht.

 

Gemeinsam werden wir uns an Mister Spocks heilende Hände erinnern, "unseren Orthopäden" und Schwarzeneggers Schieflage, an die alten Fachsimpeleien unter neuen Bekannten ("bei mir drückt's ja mehr aufs Mark"), an die Wurstmaschine und den Steher im Sonnenuntergang. Am Ende werden wir den Bee-Gees-Refrain "I'm going to Massachusetts" summen (dem Bee-Gee-Bruder Barry Gibb läßt der Ischias übrigens auch keine Ruhe). Die Bandscheibe und ich. Gute Freunde. Zum Jubiläum wird sie sogar weh tun dürfen. Ein bißchen wenigstens.

 

Heiße Scheibe Medizinische und wirtschaftliche Folgen von Rückenleiden in Deutschland - Rund 70 Millionen Krankheitstage pro Jahr gehen auf das Konto von Rückenbeschwerden. 1991 waren es noch 12 Millionen. - Für die Unternehmen bedeutet das Kosten von rund 30 Milliarden Mark. - Die Kostenträger im Gesundheitswesen müssen rund 50 Milliarden Mark zahlen. - Bereits zwei Drittel der Patienten leiden unter chronischen Beschwerden. - Jedes Jahr werden etwa 60 000 Deutsche an der Bandscheibe operiert. - Die Hälfte aller Anträge auf Frührente geht auf degenerative Wirbelsäulen- erkrankungen zurück. Bei einem Bandscheibenvorfall (Prolaps) schiebt sich der Band- scheibenkern in Richtung Wirbelbogen, er drückt gegen die Nerven des Rückenmarks und verursacht meist chronische Schmerzen.

 

Heiße Scheibe Medizinische und wirtschaftliche Folgen von Rückenleiden in Deutschland - Rund 70 Millionen Krankheitstage pro Jahr gehen auf das Konto von Rückenbeschwerden. 1991 waren es noch 12 Millionen. - Für die Unternehmen bedeutet das Kosten von rund 30 Milliarden Mark. - Die Kostenträger im Gesundheitswesen müssen rund 50 Milliarden Mark zahlen. - Bereits zwei Drittel der Patienten leiden unter chronischen Beschwerden. - Jedes Jahr werden etwa 60 000 Deutsche an der Bandscheibe operiert. - Die Hälfte aller Anträge auf Frührente geht auf degenerative Wirbelsäulen- erkrankungen zurück. Bei einem Bandscheibenvorfall (Prolaps) schiebt sich der Band- scheibenkern in Richtung Wirbelbogen, er drückt gegen die Nerven des Rückenmarks und verursacht meist chronische Schmerzen.

 



 

02.11.1998