Bindegewebe und Faszien

Sie bilden das Gerüst und sind von Anfang an da

Sie als Zellklumpen waren gerade mal über eine Woche alt und 1mm lang, als die ersten Gerüstteile eingesetzt wurden die später alles tragen und zusammenhalten sollten. Es waren die Vorläufer der Bindegewebszellen, die mesenchymalen Stammzellen aus der Mitte heraus (Mesoderm), die ihre beiden Nachbarn, das Ektoderm (später Entwicklung Nervensystem, Haut, Gehirn) und das Entoderm (wird später zum Verdauungssystem, Blutgefässe, Drüsen) infiltriert haben. Das unterstreicht ihre Bedeutung. Sie müssen also für eine äusserst wichtige und überragende Aufgabe vorgesehen sein.

Mit einem Kleber wird alles zusammen gehalten

Eine wesentliche Funktion sollte sein, dass die einzelnen Zellen, die als Organe eine Einheit bilden, auch tatsächlich ihr Leben lang zusammen bleiben. Dafür entwickelten sie eine Art Kleber, das Retikulin, ein embryonales Kollagen, mit dem sie die Zellen Klettverschluss artig verbinden konnten. Damit wurde auch die Anlage des Menschen in seiner eigenen individuellen Form unwiederbringlich gelegt. Das war der Beginn des ubiquitären Fasziennetzes, das später dann auch Sie in Ihrer Person in eine ganz persönliche und unvergleichliche Gestalt geformt hat. Im mikroskopischen Bereich hat sich daraus weiter eine Gitterstruktur entwickelt, die jede einzelne Zelle erreicht und miteinander verbinden kann.

Raffiniert, kann manchmal sehr weich sein, manchmal hart

Auf Zellebene sind das sich selbst organisierende Strukturen, die je nach Bedarf unabhängig reagieren, wie im Kapitel „Grundsubstanz“ beschrieben wurde. Diese Strukturen in der Grundsubstanz können auf verschiedene Weise angesprochen werden. Sie können durch ihre Kristallstruktur Elektrizität erzeugen und ohne extra Kabel auch gezielt weiter leiten. Sie können dünnflüssig sein oder hoch viskös (fast fest). Sie können verschiedene Gestalt einnehmen, und Entscheidungen treffen, was in jedem Abschnitt und Bereich des Körpers wichtig ist oder nicht (nicht unähnlich einer Gemeinde in einem Staat).

Und sie können darüber hinaus für den ganzen Körper (Staat) grosse Kräfte leicht abfedern und so andere wichtige Spezialzellen vor Zerstörung schützen. Soweit das Wunder in der fast nicht sichtbaren Welt.

Auf der makroskopischen Ebene gab es ebenfalls eine Entwicklung, die wir insofern besser verfolgen können, da wir jeden Tag das Ergebnis sehen können. Im weiteren Verlauf kam dem Bindegewebe die Aufgabe zu, die einzelnen unterschiedlichen Organe zu trennen und doch gleichzeitig dafür zu sorgen, dass sie ungestört arbeiten können und dabei noch möglichst geschützt bleiben. Das gilt für Angriffe von aussen (Verletzungen), aber auch von innen (Infektionen). Die Lösung ist einfach und entspricht dem, was die meisten Leute intuitiv auch machen würden mit einer wabbeligen Zellmasse. Alle einzelnen, zusammen gehörigen Gewebe (Organe) in eine separate Plastiktüte tun. So machte es auch das Bindegewebe. Jedes einzelne Organ wurde fein säuberlich in eine eigene Tasche verpackt. Dabei wurde das immer angewandte Prinzip der doppelwandigen Membranen (praktisch zwei Plastiktüten) beibehalten, um eine möglichst grosse Gleitfähigkeit gegenüber dem Nachbarn zu gewährleisten und wohl auch wegen der erhöhten Sicherheit.

Organe, die sich nicht bewegen können, machen keinen Sinn. Deshalb wurde in einigen röhrenförmigen Taschen Muskelgewebe angesiedelt, das für eine optimale Beweglichkeit nach den unterschiedenen Belastungslinien ausgerichtet wurde. Das heisst, es wurden da Muskeln in der Menge und in der Richtung eingelagert, die in der Vergangenheit zur Entwicklung des Menschen am meisten belastet worden waren. Entsprechend sind die Muskelbäuche nicht unbedingt auf der kürzesten Strecke zwischen A+B angelegt. Die Taschen machen ab und zu einen Bogen und zwingen den Muskeln zu einem Umweg. Die meisten Muskeln haben zudem auch keine einheitliche Ausrichtung ihrer Fibrillen. Manche ziehen fächerförmig auch in entgegen gesetzte Richtung. Manche haben Querverbindungen zu Nachbarmuskeln, um eine geforderte Feinabstimmung durch einen anderen Zugwinkel zu erhöhen.

Auch die Knochen, die als Druckverteiler eine grosse Rolle spielen, wurden sorgfältig eingepackt. Und so kommt es, dass nirgendwo Muskel und Knochen zusammen kommen können. Immer sind mindestens vier „Plastiktüten“ dazwischen, zwei, die zum Muskel gehören und zwei, die den Knochen bedecken.

Wir wollen kurz die Rolle von festen (Knochen) und beweglichen (Bindegewebe) nach dem Tensegrity Modell betrachten.

Die Faszie, als beweglicher Teil kann sich in Form von Bändern, Kapseln, Sehnen überall anheften, an Knochen, Bändern oder sehnige Knochenverbindungen (Ligamente).

Die Hauptaufgabe der Knochen ist die Druckverteilung. Ausgerichtet werden die Knochen aber nicht entlang der Schwerkraftlinien (Zug nach unten), sondern nach den Belastungslinien, die den Leitbahnen des Bindegewebes entsprechen. Das widerspricht unserer bisherigen Vorstellung und erfordert wieder ein Umdenken. Die Weichteile sind es, die bestimmen, wie die Knochen stehen. Nur durch Fehlbelastung der Faszie (der Bindegewebsstrassen) kommt es zu einer Fehlstellung des Knochens oder sogar in Extremfällen zu dessen Deformierung.

 

Nach dieser Erklärung wird auch klar, dass eine kurzfristige, gewaltsame Korrektur einer Knochenstellung (sog. Einrenken) selten dauerhaften Erfolg haben kann (ausser natürlich bei einer richtigen Luxation, z.B. Arm).

Selbstverständlich spielen die Muskeln auch eine Rolle, und zwar eine ganz wichtige. Ohne Bewegung sind wir verloren. Aber in unserem Zusammenhang interessiert die Frage: Woher kommen die Schmerzen? Die Antwort ist klar. Alle chronischen Schmerzen kommen aus dem Bindegewebe.

Ein Entwicklung eines Muskels macht nur dann Sinn, wenn auch ein Gegenmuskel vorhanden ist, der den gerade kontrahierten Muskel wieder in seine ursprüngliche Position bringen kann. So entstehen zwangsläufig Muskelpaare oder ganze Muskelgruppen, die an derselben Stelle ansetzen, aber unterschiedliche Zugrichtungen haben. Wenn aus irgendeinem Grund, und der ist tatsächlich erst einmal völlig egal, sich ein Muskel dauernd zusammenzieht (verkleinert), dann muss der gegenüber liegende Muskel notwendiger Weise länger werden (gestreckt). Der dazwischen liegende Knochen wird auch verschoben in Richtung verkürztem Muskel. Wenn der Gegenmuskel nicht länger wird, oder selbst auch verkürzt ist, gibt er seine Spannung an den nächsten Fixpunkt weiter. Dann wird hier ein Knochen gedreht, gekippt oder verschoben. Und so geht es weiter. Die Spannung oder der Stau, um bei dem Bild der Autobahn zu bleiben, wird weiter geleitet und kann bis zur nächsten Kreuzung gehen und einer der von hieraus weiter ziehenden bahnen folgen.