Der 6. Sinn

 

– oder wie kann ich mich selbst am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen,

wie einst Münchhausen

Eigentlich war er der erste Sinn, der ursprünglichste in unserer Entwicklungsgeschichte, der körpereigene Gleichgewichtssinn, der erst später durch die beiden weiteren Gleichgewichtsorgane Vestibularorgan und Auge ergänzt wurden. So selbstverständlich ist er uns geworden, dass wir ihn meist völlig vergessen zu erwähnen, nämlich die Fähigkeit, unsere Position und Lage im Universum nach aussen zu bestimmen und gleichzeitig jeden einzelnen Teils des Körpers zueinander nach innen zu erkennen. Astronauten und Stuntmen müssen ihn trainieren, diesen Sinn, und wir sollten auch besser damit umgehen können.

Das ganze Bindegewebe, das jedes Organ, jedes Muskelstück und jeden Knochen einschliesst, ist durchzogen mit einer Fülle von Rezeptoren, von Tastkörpern (Ruffini, Paccini, Golgi usw.). Abgebildet und gespeichert wird diese dreidimensionale Karte im Gehirn, im limbischen System, und zwar in einer idealisierten, schematischen Form (in etwa wie der von Leonardo da Vinci geometrisch dargestellte Mensch in seinem Kreis). Hier erscheint alles gleichmässig und eben. Wir fühlen nicht, wenn wir eigentlich dauernd den Kopf zur linken Seite neigen (das tun die meisten von uns). Manch einer würde schwören, den Kopf immer gerade zu halten. Für uns in der Wahrnehmung ist der Horizont immer gerade. Achten Sie einmal darauf. Ziehen Sie ein Lineal durch die Pupillen des nächsten Nachrichtensprechers in der Tagesschau.

Wenn wir uns genau beobachten, sind wir nicht besonders aufmerksam mit unserem Körper. Viele Bereiche sind nur schwer aktiv ansprechbar (Becken, Wirbelkörper), manche haben die Sensibilität verloren (Schulter, Rücken) und viel zu viele, nicht nur ältere Leute, haben ganze Gliederteile irgendwo abgestellt (Füsse, Unterschenkel). Die Gründe hierfür sind häufig Bewegungseinschränkung und Schmerzen. Die Technik des "auf die Seite Schiebens" und "Ignorierens" ist ein gängiges Mittel, um Problemen aus dem Weg zu gehen, aber dennoch, unseren eigenen Körper müssen wir weiter mit uns herumtragen. Und er wird sich eines Tages auf dramatische Weise melden, mit Schmerzen, Ödemen, Mangeldurchblutung oder vorher vielleicht mit Kribbeln, Stechen, Brennen.

Die Abteilung im Gehirn, zuständig für die Kartografie jedes Kubikzentimeters unseres Körpers, ist der Regie des Planungs- und Ausführungsdepartements im Ministerium für Koordination und Bewegung unterstellt. Dessen lebenswichtige Aufgabe ist es, den reibungslosen Ablauf jeder auch noch so komplexen Bewegung in die Wege zu leiten. Das ist alles andere als selbstverständlich und verlangt eine ganze Menge Übung neben der automatischen Prüfung nach dem Sinn, der Durchführbarkeit und der Abschätzung von Risiken und Gefahren. Die notwendigen Schaltkreise sind nicht einfach vorhanden, sie müssen erst geschaffen werden. Neuronen müssen verbunden werden, neue Leitungen müssen aus den Nervenzellen spriessen und die besten Verbindungen gilt es durch Probieren raus zu finden. Die ersten Jahre unseres Lebens war das für uns eine der Hauptaufgaben. Irgendwo im Archiv unseres Gehirns sind auch noch die Blaupausen gelagert von all den Tricks und Bewegungen, die früher einmal selbstverständlich für uns waren. Nur, weil sie nicht mehr gebraucht wurden, sind die Bahnen jetzt verkümmert.

Selbst eine einfache Bewegung verlangt ein aufwendiges Programm. Denn anders als bei simpler Mechanik, zB. der Bewegung eines Kranes haben die Myofibrillen auch in demselben Muskel unterschiedliche Vektoren oder Richtungen. Jede einzelne Muskelfibrille muss also einzeln programmiert werden. Dabei sind Winkel und Anteil der übertragenen Kraft ungewiss, gerade auch wegen der im Alter immer häufiger auftretenden Verklebung von Faszien und Knotenbildung im Muskel. Im Ablauf von nur eine hundertstel Sekunde müssen so tausende von Befehlen in die agierende Muskelgruppe gesendet werden und fast ebenso viele in die Gegenmuskulatur, um eine gleitende Bewegung zu gewährleisten. Und jetzt kommt das Unerwartete: Wenn wir nicht sehr viel trainieren, werden wir überflüssigerweise und völlig unsinnig weit entfernte und nicht beteiligte Muskeln zusätzlich mit einsetzen, zB. beim seitlichen Beinheben einen Lendenmuskel. Bitten Sie einen Bekannten, die Beine auszustrecken und den rechten Fuss auf und ab zu bewegen. Was macht der linke Fuss? Das komplizierte Programm wird möglicherweise auch auf dieser Seite ausgeführt. Ein grober Nachrichtenfehler.

Je perfekter die Programmierung gelingt, umso schneller, präziser und Kraft schonender ist die Bewegung. Seit der Spitzensport sich dieser Erkenntnis bedient hat, sind die Leistungen deutlich in sehr kurzer Zeit gestiegen. Man setzt nicht mehr auf Muskeltraining und Muskelmasse. Man weiss inzwischen, dass das nicht mehr zu erhöhter Kraft wird, sondern eher zur Verspannung. Man setzt vielmehr auf Koordination und die möglichst exakte Reihenfolge der angefeuerten Muskelelemente und nützt die immense Spannkraft der Myofaszialen Meridiane (eine kleine Revolution im Hochsprung war der Fosbury Flop). Leichtigkeit und Technik gegen langsame dickbäuchige Muskeln.

Und was können Sie als Schmerzgeplagter damit anfangen?

Diese moderne Erkenntnis befähigt Sie, sich wie weiland Baron von Münchhausen am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen, der Sie kontinuierlich seit geraumer Zeit versinken lässt (was dem Baron keiner geglaubt hat). Sie werden auch zwei Probleme haben. Erstens zu glauben, dass das möglich ist und zweitens, dass Sie das nur selbst alleine machen können. Wir können Sie coachen und Ihnen wie jeder gute Trainer aufzeigen, was zu tun ist, aber machen müssen Sie es selbst. Nur so können neue Neuronenverknüpfungen geschaffen werden, nur so können alte Muster über Bord geworfen werden, nur so können intelligente Programme installiert werden. Das kann keiner irgendwo kaufen oder machen lassen.

Gerade in den Teilen des Körpers, die man nicht mehr sehen möchte, die man abgeschrieben hat liegt die nervliche Kommunikation nahe am Nullpunkt. Das Ansteuern der Muskeln geht gar nicht mehr, die Feuerbefehle sind sinnlos und kontraproduktiv. Es werden viel zu viele Fehler gemacht. Die schon in Ruhe verspannten Faszien und Muskeln haben das nahe liegende Gelenk von jeder Seite eingeengt. Eine weitere Bewegung, hauptsächlich der in konzentrisch angespannten Muskelgruppe (Täter) lösen hier ungeplante Zuckungen aus. Allein das Ansteuern dieser Muskeln weckt die Erinnerung an frühere Schmerzen bei dieser Bewegung. Als Gegenreaktion wird sofort der gegenüber liegende Muskel auch angespannt (natürlich auch völlig planlos). Eigentlicher Sinn sollte sein, eine weitere Bewegung zu verhindern, damit das Gelenk nicht zerstört wird. Eine zittrige Pattsituation, die zu Schmerzen führt und häufig in einer Überreaktion zu einer heftigen Dauerverkrampfung des schwachen (exzentrisch verspannten) Muskels führt. Versucht man sofort zu dehnen, führt das nicht immer zu dem gewünschten Erfolg.

In so einer Situation gibt es keinen, der das Risiko für dieses Ereignis nicht minimieren möchte. Also wird er Ruhe halten möglichst nichts bewegen. Aber das ist genau die falsche Entscheidung. Damit wird alles noch schlimmer, weil durch Inaktivität alle beteiligten Muskeln sich noch weiter verkürzen. Nicht die grossen verspannten Hauptmuskeln sollen aktiviert werden, sondern den weiter unten liegenden Bereichen werden leichte, aber komplexe Aufgaben gestellt. Eine meiner Lieblingsaufgaben ist das Schreiben mit den Zehen mit ganzem Einsatz des Beines. Das ist ein Weg zu Koordination und Entspannung. Neue Organisationsmuster werden geschrieben, alte Programme aus den Archiven geholt und wieder aufpoliert.

Wenn das spielerisch geschieht, wie wir es vor langer Zeit als Kleinkinder gemacht haben, geht es einfacher und wenn wir noch die kindliche Freude dazu gewinnen, lässt sich langsam die Zeitachse wieder umkehren, zentral im Kopf und peripher an allen Gliedern. So können wir tatsächlich wieder jünger werden.