Bindegewebige Autobahnen

 

Das Bindegewebe verbindet alle Zellen miteinander und sorgt dafür, dass alles an seinem rechten Platz bleibt, Organe, Knochen, Leitungsbahnen. Im Laufe der Entwicklung haben sich Bindegewebsstrassen ausgebildet, die immer mehr belastet waren, als andere. Die wurden dann immer breiter und kräftiger, regelrechte Autobahnen. Auf jeder Strassenkarte kann man sie leicht erkennen. Wenn Sie in einem Land leben würden, das die Umrissform eines Menschen hätte, wo würden Sie diese Autobahnen suchen? Klar, jeweils von den Füssen bis zum Kopf und natürlich auch von einer Hand zur anderen. Und genauso verlaufen auch die Autobahnen der Faszie. Nur, wir haben es nicht mit einer flachen, zweidimensionaler Ebene zu tun, sondern mit einem dreidimensionalen Körper. Wir brauchen also praktisch ähnliche Streckenführung für vorne und hinten. Und da wir manchmal von vorne auf die Rückseite fahren wollen, brauchen wir auch hier eine Verbindung. Die kürzeste Verbindung auf einer runden Oberfläche ist eine Kurve. Sie erinnern sich: ein Flug von Zürich nach New York geht über Island. Nach demselben Prinzip sind auch die myofaszialen Leitbahnen entstanden.

In einem dreidimensionalen Körper verlaufen diese Bahnen nicht nur an der Oberfläche. Je nach Funktion gibt es hautnahe und tiefgelegene Züge.

Wenn wir ruhig stehen und nur einen Arm zur Seite anheben, so verschiebt sich die aktuelle Belastungslinie von oben nach unten. Das geschieht bei jeder noch so kleinen Bewegung. Das heisst, wenn wir uns das Ganze als ein Zugnetz vorstellen, wird durch die Bewegung des Armes eine die Spannungslinie Fuss-Kopf zum Teil umgeleitet auf eine Linie Schulter-Hand. Diese Umschaltung erfolgt über Knoten, Bahnhöfen gleich, auf denen umzusteigen jederzeit möglich ist. Dadurch werden Belastungen ausgeglichen, aber sollten sie wiederkehren, auch verfestigt.

Die von uns selbst gestalteten Belastungslinien sind bei vielen Menschen ähnlich, aber wir erfinden doch bei genauem Hinsehen unser eigenes, individuelles Muster. Das kann nicht anders sein, wenn wir uns genauer ansehen, wie es überhaupt zu diesen Verspannungen kommen kann. Das eine sind die Prädispositionen, die unser Muster festlegen, das andere sind die Auslöser, die uns in die Falle locken, aus der raus zu kommen, so unsäglich schwer ist. Jede Therapie, die diese beiden Komponenten nicht erkennt, aufspürt und versucht zu neutralisieren, kann nur unvollkommen sein.

Unter Prädisposition verstehe ich alles, was in der bisherigen Lebensgeschichte Einfluss genommen hat auf das, was wir allgemein als Haltung bezeichnen. Dazu gehört der geerbte, genetische Code (allein, ob einer klein oder gross geboren wird macht völlig andere Probleme), eine Verletzung, die zu Veränderung in der Haltung beigetragen hat, eine Infektionskrankheit, Ablagerungen und Schlackenbildung durch unzureichende und unpassende Ernährung und natürlich auch die gesamte psychische Dimension. Als Beispiel seien Depressionen und Ängste genannt. Auch diese sind körperlich nachweisbar durch spezifische Knoten und Verdichtungen im Bindegewebe an fest umschriebenen Stellen. Mit diesen empfindlichen Bereichen haben wir uns abgefunden zu leben. Ein wesentlicher Teil unserer Therapie besteht darin, diese Prädispositionen aufzuheben (das kann man wirklich sehr häufig). Zur Prädisposition gehören auch übernommene Attitüden aus der Familie (alle haben einen Rundrücken) oder sonstige Vorbilder aus Kultur und Gesellschaft (dominantes Auftreten durch stramme Militärhaltung (Spiegelneuronen)).

Zu Schmerzen kommt es durch die Auslöser. Das sind die Stellungen oder Bewegungen in unserem täglichen Leben, die zwangsläufig zu einer Dauerverspannung des Bindegewebes führen müssen. Mit der entsprechenden Prädisposition kann man dem nicht entrinnen. Alle Auslöser betreffen unser tägliches Leben und wir unterliegen ihnen sehr häufig. Hauptkandidaten im Beruf sind die nicht passenden Arbeitsplätze, im Büro oder an der Werkbank. Musiker müssen ein Gleichgewicht zwischen ihrem Körper und ihrem Instrument finden. Im privaten Bereich sind es unphysiologische Arbeitsebenen, nicht passende Sitzgelegenheiten und falsche Haltung im Schlaf. Beim Arbeiten stehen müssen sich die meisten Menschen nach vorne beugen, eine ausgesprochen belastende Haltung. Die Normgrössen für Arbeitshöhen haben sich in den letzten Jahrzehnten nicht geändert, obwohl die gesamte Bevölkerung im Schnitt grösser geworden ist. Würde man dieses berücksichtigen hätten wir wohl sehr viel weniger Rückenproblemen. Das betrifft vor allen Dingen auch Hausfrauen in ihren Normküchen. Die schon durch Sitzen überlasteten Leitbahnen müssten wenigstens im Stehen nicht weiter strapaziert werden.

Der Sport bietet eine Vielzahl von Fallstricken, was beweist, dass die Schmerzproblematik nichts mit Fitness zu tun hat. Kein Zweifel, jede Form von Bewegung ist ein Gewinn, aber Bewegung schafft keine Schmerzfreiheit. Im Gegenteil, oft genug kommt es zu völlig überflüssigen Verspannungen. Oberstes Ziel ist ein entspanntes und lockeres Bindegewebe.

Jede Therapie, die nur einen der oben angesprochenen Aspekte im Auge hat, wird nur temporären Erfolg verzeichnen können, die nur auf Schmerzbehandlung setzen, erst recht. Beide Ansätze müssen auch von dem Betroffenen verstanden sein. Nur so ist es möglich, durch entsprechende Übungen die Fehlstellungen auszumerzen und ein Bewusstsein für die individuellen Auslöser zu schaffen.