Beckenschiefstand, Beinlängendifferenz - Man muss nur die richtigen Fäden ziehen

Natürliche BeckenbewegungenJedes Becken ist schief, auf jeden Fall in Bewegung. Das ist insofern tröstlich, als damit zum Ausdruck kommt, dass eine der wichtigsten Eigenschaften des Beckens die ist, sich nach allen Seiten dreidimensional bewegen zu können. Mit dem allgemeinen Begriff Beckenschiefstand meinen wir also einen Zustand, der mitten in einer Bewegung Halt gemacht hat, und in einer bestimmten Position eingefroren ist. So nimmt es nicht wunder, wenn das Bild eines Patienten mit verschobenem Becken, aufgenommen in einer Ruheposition, dem Schnappschuss von einem gesunden Sportler gleichen kann. Das bedeutet aber auch, dass es eigentlich einfach sein müsste, einen Beckenschiefstand zu korrigieren. Das ist es auch in den aller meisten Fällen. Ein geübter Therapeut kann das in wenigen Minuten.
 

Beckenschiefstand  Nach rechts gekippt und rotiert, nach vorne gekippt und verschoben

Eine Vorschrift zu erlassen, wie die einzelnen Winkel im Becken zu stehen haben, halte ich für wenig nützlich. Jeder Mensch hat seine individuellen, körperlichen Voraussetzungen und wird ein wenig anders geformt sein. Verletzungen, Strapazen, einseitige Belastungen formen den Körper weiter. So bekommt im Laufe des Lebens jeder seine sehr eigene, unverwechselbare Gestalt.
 
Das Becken ist die wichtigste muskuläre Schaltzentrale des Körpers. Von hier aus ziehen die grössten Muskeln in alle Richtungen. Sie sind peinlich darauf bedacht, jede Disbalance auszugleichen, zwischen oben und unten, vorne und hinten und auch links und rechts. Erst, wenn das nicht mehr so einfach gelingt, kann eine bestimmte Haltung nicht mehr verlassen werden und wird dann in dieser Stellung eingefroren. Das geschieht dadurch, dass ein Muskel (Muskelgruppe) sich zusammenzieht und verspannt. Der verkürzte Muskel kann keine vernünftige Arbeit mehr leisten (hat keinen Hubraum mehr). Da er irgendwo an einer festen Stelle (Knochen, Faszie) angewachsen ist, zieht er diese Struktur zu sich hin. Auf der anderen Seite des Knochens agiert aber ein Gegenmuskel. Der musste dem stärkeren, kürzeren Muskel nachgeben und kann nicht verhindern, selbst in die Länge gezogen zu werden. Dieser Muskel, das „Opfer“, schmerzt. Er erhält üblicherweise Zuwendung in Form von Massagen, Salben, Verbänden, Spritzen usw.. Der „Täter“, der gezogen hat, bleibt meist unbemerkt. In wenigen Therapieansätzen wird nach ihm gesucht. Logisch, dass das „Opfer“ auch nach 10 Jahren noch „Opfer“ ist und seinen Besitzer peinigt.
 
Der quere Balken vom KreuzDamit der aufrechten Gang funktioniert, mussten spezielle Muskelzüge konstruiert werden. Vereinfacht könnte man sagen, die Beckenmuskulatur hat die Form eines Kreuzes. Die senkrechten stellen eine Verbindung zu Rumpf und Beinen her. Die kennen wir, weil wir sie jeden Tag sehen können. Die waagerechten sind unsichtbar im Becken verborgen. Der senkrechte Balken des KreuzesSie ziehen rechts und links zu den beiden Oberschenkeln und pressen die eigentlich frei schwebenden Hüftkugeln nach innen in die Hüftpfannen. Wenn wir beim Gehen von vorne das Becken betrachten und nur die Muskeln sehen könnten, würden wir ein Kreuz beobachten, das von einer Seite auf die andere wackelt, zugleich auch nach vorne und hinten schwankt und sich dabei auch noch mit einem Arm abwechselnd nach vorne streckt. Zu diesem Spiel werden bei jedem Schritt jeweils 31 Muskeln auf jeder Seite aktiviert. Ganz schön kompliziert. Jetzt können Sie sich vorstellen, was die Verspannung einer Muskelgruppe anzurichten vermag.
 
Der Körper hat für diesen Fall eine kluge Strategie entwickelt. Nehmen wir folgende Situation an: Die linke Seite des Beckens ist durch einen verletzten Beinmuskel nach unten gezogen. Der linke Beckenkamm ist also tiefer als der rechte. Das Becken ist nach links gekippt. Wenn der Körper jetzt nichts unternehmen würde, würde er nach links umfallen. Also sucht er zum Ausgleich eine andere Haltung. Beidseitig konkurrierende MuskelnEs stehen ihm eine Reihe von Möglichkeiten zur Verfügung. Intuitiv wird er immer die momentan beste Lösung wählen. Vielleicht aktiviert er Muskeln, die die Lendenwirbel nach rechts biegen (wie im rechten Bild) oder er schiebt den ganzen Oberkörper auf die rechte Seite oder er dreht die rechte Schulter nach vorne oder er knickt in der Hüfte ein oder..oder..oder. Auf jeden Fall wird klar, dass diese an sich kleine Veränderung nach oben und unten eine Menge Umstellungen bewirken kann.
Immer wieder muss der Körper neue Lösungen finden, weil im Laufe des Lebens andere Probleme in Form von Verletzungen und anderen Traumata dazu kommen. Die Verspannungen werden zahlreicher. Zunehmend mehr Muskelketten und -gruppen sind betroffen. Da darf es nicht wundern, warum wir alle im Alter ein wenig unbeweglicher werden.
 
Der Zug von hintenDabei sind es ja nicht die Muskeln. Die verspannen nur in geringem Masse. Die ganze Konstruktion wird von dem Bindegewebe gehalten, von den Bändern, Fasern, Platten, Faszien, Kapseln. Hier sitzen auch die zahlreichen Schmerzrezeptoren. Diese myofaszialen Leitbahnen lassen sich durch den ganzen Körper verfolgen. Sie zeigen den Weg der höchsten Belastung. So ist es fast normal, dass beim Beckenschiefstand nicht nur einen Schmerzort angegeben wird. Die Hauptschwachstelle wird im Beckenbereich sein und von hier ausstrahlen. Hier in der Nähe sind auch meist die „Täter“ zu finden.
 
Irgendwann ist das System festgefahren. Eine eigene Korrektur ohne Hilfe ist nicht mehr möglich. Die Schmerzen nehmen zu. Die kaum funktionstüchtigen Muskeln, die einen verkürzt, die anderen überdehnt, hemmen sich gegenseitig. Die zunehmende Schwäche lässt alles noch weiter in sich zusammen sinken. Eine Falle aus der es kein Entrinnen gibt? - Sie ahnen es. Die Lösung des Problems ist ziemlich einfach.Einseitige Kräfte, die das Becken verstellen
 
Es führt nicht sehr weit, sich sofort auf die Stelle des Schmerzes zu stürzen und hier anzufangen zu graben. Man wird nicht viel bewirken können. Das heisst, die Schmerzen bleiben oder werden bald wieder kommen. Medikamente können ein wenig entspannen, bringen aber keine grundsätzliche Veränderung. Durch technische Verfahren (MRI, Röntgen) hofft man, einen sichtbaren Fehler im Gewebe zu finden.
Es genügt, den ganzen Menschen von aussen zu betrachten. Wer genau hinsieht und genügend Erfahrung hat, kann einen wesentlichen Teil der Geschichte dieser Person in Sekunden erfahren. Im Auftreten, in der Haltung spiegelt sich das ganze Leben wieder.
Wenn man genau hinschaut, sind bei jedem sehr viele kleine und auch grössere Verbiegungen zu sehen. Die müssen da sein und sind oft von keinerlei Bedeutung. Wenn insgesamt die Balance bewahrt ist, wenn ein „Fehler“ durch einen anderen ausgeglichen werden kann, bleibt alles in Ordnung. (Ein Golfspieler kann zur Elite gehören, obwohl jede einzelne Phase seines Schwungs für sich alleine betrachtet eine Katastrophe ist) Treten aber chronische Schmerzen auf, also immer wieder kehrende, dann muss irgendwo etwas verändert werden.
 
Beckenschiefstand kann durch die Verkürzung verschiedener Muskelgruppen hervorgerufen werden und seinerseits zu unterschiedlichen Problemen führen, Schmerztherapie ZürichBis zu der revolutionären Erkenntnis, dass das Bindegewebe Druck und Zug verteilt und somit die Haltung bestimmt (Tensegrity), war der Knochen der verantwortliche Lastenträger. Entsprechend viele Empfehlungen gab es im letzten Jahrhundert, wie man durch Verstellen der Knochen und Gelenke einen Beckenschiefstand ausgleichen kann. Wir wissen jetzt, die Erfolge können, wenn überhaupt, nur vorübergehender Natur sein.
 
Eine ganz gute Möglichkeit die generellen Probleme zu erkennen, bietet die Haltungsanalyse an Hand von Fotos. Hier hat man Zeit und Musse, Dinge aus zu blenden, zu vergleichen und auszumessen.
Das weitere Vorgehen ergibt sich aus den Befunden. Im Prinzip geht es darum, die Zeit zurück zu drehen, die Übeltäter zu identifizieren und in einer bestimmten Reihenfolge die einen Faszien zu verlängern, die anderen zu verkürzen. Das ist eine Arbeit, wie wir sie kennen von einem Marionettentheater, in dem der Spieler einzelne Fäden zieht, um damit die Haltung zu ändern. Uns gelingt das nicht zuletzt deshalb vergleichbar gut, weil wir eine Methode haben, mit der jeder einzelne Sehnenstrang auf seine Funktion geprüft werden kann und wir die benötigten Muskelgruppen gezielt funktionell einsetzen können. Das Becken wird eine ausgeglichene Position einnehmen und die sonstigen Verschiebungen werden sich von selbst in die beste, mögliche Stellung bringen.
- Nicht ganz von selbst, denn hier sind Sie gefragt. Nur bestimmte Übungen, konsequent ausgeführt, werden ihre Haltung verändern. Sie haben es dann an der Hand, ob sie ein neues Gleichgewicht erreichen oder wieder in ihr altes Muster zurück fallen.