Die Rolle der Wirbelsäule

Die Entwicklung unserer Spezies

Durch die Verlagerung in die Senkrechte musste sich die Wirbelsäule verändern

Eine der grossen Veränderungen zum Homo sapiens war die aufrecht stehende Haltung. Damit waren einige Veränderungen an der Wirbelsäule nötig. Vom Modell Hängebrücke, wie bei Pferd und Hund musste das Gewicht mehr auf die Hinterbeine verlagert werden und wurde dann vorläufig erst einmal zu einer C-förmigen Wirbelsäule, wie sie unsere Verwandten haben, die Primaten.

Dabei kam der Kopf immer weiter nach oben und wurde beweglicher

Der Kopf bei unseren Affenverwandten ist noch hauptsächlich nach unten ausgerichtet und entsprechend stösst die Wirbelsäule schräg von hinten in den Schädel. Das kommt Ihnen bekannt vor? So sehen doch die meisten älteren Mitbürger auch aus! Das ist richtig, betrifft aber nicht nur die älteren Leute.

Entwickeln wir uns wieder zurück?

Ein normaler Erwachsener in unserer Kultur hat erstaunlicherweise eine vollkommen andere Form der Wirbelsäule als unsere Vorfahren, welche die Savanne durchquert haben.

Primaten haben starke Arme, aber schwache Beine …

Durch ihre halbmondförmige Wirbelsäule haben Affen naturgemäss eine uns schlampig anmutende Haltung. Die Arme sind ziemlich lang. Mit denen kann man sich besser durch die Bäume schwingen. Die Beine mit nur 1/3 der Gesamtgrösse sind dagegen vergleichsweise kurz. Affen können nicht auf einem Bein stehen wie der Mensch, dessen Fuss stabil auf 3 Punkten gestützt wird (Ferse, Zehenballen innen und aussen).

… und können nicht aufrecht gehen

Auch aufrecht Gehen ist nicht möglich wegen der Form ihrer Wirbelsäule. Wenn sie es trotzdem versuchen, müssen sie von einer Seite auf die andere torkeln, weil sie keine Quermuskulatur im Becken haben. Ausserdem ermüden sie schnell. Sie finden es auch bequemer, sich alle paar Schritte mit ihren Handknöcheln aufzustützen, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren.

Unser Kopf sitzt wie eine Drehscheibe auf der Wirbelsäule. Die perfekte Rundumsicht, ideal auch zum Tragen von Lasten

Ganz anders der Mensch. Er braucht jetzt zur Fortbewegung nur noch seine Beine. Inzwischen machen sie die Hälfte seiner Länge aus. Damit wurde der Masseschwerpunkt deutlich weiter nach oben verlagert. Das verlangt nach einer Technik, die in der Lage ist, das grosse Gewicht des Rumpfes sicher zu balancieren. Entsprechend hat sich die Form der Wirbelsäule verändert.

Die Wirbelsäule ist jetzt J-förmig

Die halbmondförmige Konstruktion des Affen wurde umgestaltet in eine gerade, senkrechte Säule in der Form eines J. Die Halswirbelsäule trifft jetzt von unten exakt in der Mitte den Schwerpunkt des Schädels. So ausbalanciert wiegt der Kopf praktisch nichts mehr. Entsprechend muss er auch nicht wie beim Gorilla mit einer massigen Muskulatur nach hinten ausgestattet sein, die wie eine grosse Kapuze Kopf und Schulterknochen verbindet. Daraus entsteht ein ungeahnter Vorteil. Der Mensch kann ziemlich schwere Lasten bis 50 kg problemlos auf seinem Kopf tragen.

Wie geht die menschliche Entwicklung weiter?

Offensichtlich geht die menschliche Entwicklung weiter, oder sollten wir hier besser von einer Regression sprechen? Weniger als einer von Hundert der Erwachsenen, die Sie täglich in ihrer Umgebung sehen, trägt den Kopf vorschriftsmässig oben. Ab dem 14. LJ. hängt er nach vorne und belastet so die Nackenmuskulatur. Damit nähert sich unsere Haltung im Kopf-Schulterbereich wieder verdächtig der Primatenform.

Werden die Bänder, die unseren Kopf halten sollen, immer instabiler?

Mit Recht weisen besorgte Ärzte darauf hin, die Haltebänder des Kopfes seien in Gefahr, wenn wir mehrere Stunden pro Tag mit nach vorne gerecktem und nach hinten abgeknicktem Kopf vor dem Computer sitzen, um anschliessend unsere Zeit in der Gegenposition mit nach vorne gekippten Kopf dem Smartphone zu widmen. Das ist tatsächlich die beste Möglichkeit, Bänder auszuleiern und einen instabilen Kopf zu bekommen.

Im Urwald und in der Wildnis gibt es keine chronischen Rückenschmerzen

Die ursprünglichen Naturvölker haben sich vielfältig und ausgewogen bewegt. Hat dann möglicherweise unsere jetzige Haltung etwas mit unseren Schmerzen zu tun? Zahlreiche Berichte aus den unterschiedlichsten Teile der Erde stimmen dahin überein, Naturvölker hätten keine Rückenschmerzen. Das hat ganz offensichtlich mit der Art ihrer Bewegung zu tun. Das tägliche Leben verlangt mannigfache, abwechslungsreiche Tätigkeiten. Wesentlich ist die ausgewogene Belastung der einzelnen Körperpartien. Die grossen und kleinen Muskelgruppen der Arme und Beine werden täglich mannigfach eingesetzt.

Das Geheimnis ist die tägliche, ausgewogene Belastung der gesamten Muskulatur

Sie mussten mit Bogen und Speer jagen, mit Reusen und Netzen fischen und Tierfallen graben, konstruieren und aufstellen. Das Klettern auf Bäume gehörte genau so dazu wie das Schwimmen und Tauchen, das Sammeln von Früchten und das Ausgraben von Wurzeln. Natürlich auch die ganzen "häuslichen Tätigkeiten", wie Korn mahlen, Früchte stampfen, Speisen zubereiten, Wasser tragen und Holz sammeln, Bäume fällen, Häuser bauen, Körbe flechten, Waffen herstellen, Figuren schnitzen. Und zum Programm gehörte auch das Tanzen, Musizieren und das Messen der sportlichen Kräfte. Ziemlich abwechslungsreich! Die Muskeln konnten immer geschmeidig bleiben. Alle diese Tätigkeiten hat praktisch jeder in seinem Stamm gemacht, eine echte Spezialisierung gab es noch nicht. Beachten Sie bitte auch, dass einseitige Oberkörperbewegungen praktisch nicht vorkamen und die Rumpfmuskeln in jeder Richtung regelmässig eingesetzt wurden, auch die von uns heute praktisch gänzlich vernachlässigte seitliche Drehbewegung.

Die J-Form der Wirbelsäule schafft den perfekten Ausgleich zwischen vorderer und hinterer Muskulatur

Welche Form der Wirbelsäule ist für die Allroundbewegung ideal? Überraschenderweise finden wir hier die J-Form, die einen optimalen Ausgleich der Belastung von Bauch- und Rückenmuskulatur gewährleistet. Bei uns Zivilisierten sind wir eine mehr oder weniger ausgeprägte S-Form gewohnt. Das lässt darauf schliessen, dass hauptsächlich eine Bewegung der Wirbelsäule in der Sagittalachse (zwischen vorne und hinten) verlangt und geübt wird. Wie kann man sich diesen Wandel erklären? Es hat tatsächlich mit der Änderung der Lebensgewohnheiten zu tun.

Arbeitsteilung, Spezialisierung, Besitz, Reichtum, Macht - Beginn der kulturell bedingten Chronischen Rückenschmerzen

In einer sesshaften, grösseren Gruppe lohnte es sich, individuelle Fertigkeiten auszubauen, Spezialist zu werden. Es entstand eine Wertskala, Geld wurde erfunden und der Stärkere hatte natürlich das Recht auf seiner Seite. Besitz, Reichtum und Macht entwickelten sich. Es entstand eine Art Klassengesellschaft. Die produzierende Gesellschaftsschicht wurde mehr und mehr dazu veranlasst, monotone, gleichförmige Arbeit zu leisten. Allen ging es zunehmend besser, die Bevölkerungszahl stieg rapide und so wurde kaum wahrgenommen, wie sich langsam die Haltung  veränderte. Das 3. Muskelgesetz galt damals schon: Die stärkere vordere Muskulatur hat langsam zuerst die Schulter und den Rücken nach vorne gezogen und dann später auch den inneren Lendenmuskel so verkürzt, dass bald die nach vorne gebogene Statur einfach zum Alter gehörte.

[Der Chef ist vorne]

Die Oberschicht hatte keine verbogene Haltung

Die einfachen, aber doch vergleichsweise primitiven Zustände der Frühzeit waren vorbei. Dichtere Besiedlung und Ballungszentren brachten auch neue Gesellschaftsformen. Für das einfache Volk bedeutete das, unter harten Bedingungen Tag und Nacht für Herren auf den Feldern, im Frondienst, in Bergwerken zu schuften. Die Lebenserwartung war nicht besonders hoch, und vielen älteren Leuten sah man an ihrer Haltung an, welche extreme Auswirkungen eintönige Schwerstarbeit haben kann. Versteifte Arme und Beine, unbewegliche Finger, die kaum eine Tasse halten konnten, und vor allen Dingen der immer weiter nach vorne geklappte Rumpf mit völlig unbeweglicher Wirbelsäule, der im Alter von einem Stock abgestützt werden musste. Seuchen und Unfälle deformierten die Menschen zusätzlich.

Das Mittelalter war eine sehr schmerzhafte Epoche, für jeden

Geistige Enge, Glaubenswahn, Unsauberkeit und mangelnde medizinische Einsicht machten das Mittelalter zu einer Periode, in der jeder irgendwelche Schmerzen aushalten musste. Auch die Reichen und Mächtigen hatten Zahnschmerzen, Nierenkoliken, Blasen-und Gallensteine, Pocken und Pest. Die Wahrnehmung von Schmerzen im Bewegungsapparat ist nach Berichten damals deutlich geringer gewesen als heute. Schmerzen waren auch nichts Besonderes. Fast jeder hatte irgendwo Schmerzen und wer besonders hart im Diesseits geprüft wurde, dem war Gott besonders gewogen. So wenigstens war damals die allgemeine Vorstellung. Es konnte einem ja sowieso keiner helfen.

[Verkürzung] [Projektion des Gehirns]

Die Industrielle Revolution schränkte durch monotone Arbeit die Beweglichkeit noch weiter ein

Mit der Erfindung der modernen Kraftmaschinen (Dampf, Benzin, Elektrizität, Öl, Kohle, Wasser) begann die Industrielle Revolution. Der Umbruch äusserte sich nicht nur politisch (Demokratie, Nationalstaaten) sondern auch gesellschaftlich. Die Auswirkungen der vor 150 Jahren zögernd eingeführten Neuerungen können wir heute noch jeden Tag spüren. Was damals erkämpft wurde ist heute, ein wenig veraltet, tief in unserer Überzeugung verankert. Manches sogar unverrückbar?

Höchste Zeit, diese Überzeugungen auf den Prüfstand zu setzen. Uns interessiert hier, wie sich die neuen Arbeitsbedingungen, die Idee, Sport zu treiben und die Einrichtung eines Gesundheitssystems auf Haltung und Schmerzempfindung ausgewirkt hat.

Der Wandel zur Dienstleistungsgesellschaft zwingt uns unmerklich zu bewegungslosem Sitzen

In den letzten 100 Jahren haben sich die Arbeitsbedingungen radikal verändert. Die schwere körperliche Arbeit ist weitgehend von Maschinen übernommen worden. Auch die meisten Produkte, die wir jeden Tag kaufen, werden an intelligenten Fliessbändern maschinell hergestellt. Wir sind eine Dienstleistungsgesellschaft geworden. Die meisten Jobs sind zudem sauber. Die Folge davon ist: unser Aktionskreis wird laufend grösser (unsere Arbeitswege werden immer länger), im Gegensatz dazu werden unsere körperlichen Bewegungen mehr und mehr eingeschränkt. Wir sind dabei, ohne dass wir es merken, in gewisser Weise eingefroren zu werden. Wir werden unbeweglicher. Und zwar in erster Linie durch das Sitzen. Egal, ob Sie die erwähnten Fliessbänder bedienen müssen oder es Ihre Aufgabe ist, den ganzen Tag einen Bildschirm anzustarren.

[Verkürzung]

Die Muskeln und Faszien der Wirbelsäule werden überlastet

Die Folge davon ist, wir zwingen unsere Wirbelsäule wieder dazu, eine affenähnliche C- Form anzunehmen. Dadurch wird die hintere Muskulatur überdehnt und ausgeleiert. Hier wirken zwei der Muskelgesetze in die gleiche Richtung, potenzieren sich also. Beim ersten Muskelgesetz "durch Ruhe und Inaktivität verkürzt sich ein Muskel" ist vor allem der Hüftbeuger (m. Psoas) betroffen. Das andere gilt hauptsächlich für die vordere Bauchmuskulatur, "die vorderen Muskeln sind immer die Chefs". Wie immer fehlen die ausgleichenden Bewegungungen mit der entsprechenden Entspannung nach hinten und die wichtigen, komplexen Drehpositionen nach vorne und zur Seite. Unmittelbar betroffen sind natürlich bei den meisten Leuten die Schultern, Arme und Hände.

[Verkürzung] [Muskelgesetze]

Unsere individuelle Entwicklung

Pflichtprogramm - Im Eiltempo durch die Evolution

So ist das nun mal. Wir werden nicht perfekt als Krone der Schöpfung geboren. Damit auch alles richtig funktioniert, ist jeder einzelne verpflichtet, die wichtigen Teilabschnitte in der Entwicklung vom Einzeller über die Reptilien und dann schliesslich bis zum Primaten zu absolvieren. Wenn wir geboren werden, haben wir noch nicht eine endgültig ausgebildete Wirbelsäule. Und dann dauert es noch länger, genauer gesagt zwischen einem halben und ganzen Jahr, bis sich die C-förmige Wirbelsäule streckt und gerade wird und wir damit zum vollwertigen Menschen reifen. Im Beckenbereich beginnt das Kreuzbein langsam sich nach hinten zu krümmen und damit das Becken nach vorne zu kippen. Diese ziemlich späte Reaktion hat durchaus ihren Sinn. Wir erinnern uns.

Wir werden zu früh geboren, erst langsam begreifen wir unsere Umwelt

Eigentlich wird der Mensch viel zu früh geboren, unreif und hilflos, verglichen zu Tieren, die schon sehr bald flügge sind und sich dann auch selbst versorgen können. Der Kopf mit dem hoch entwickelten Gehirn ist viel zu schnell gewachsen und um die Mutter nicht zu gefährden, muss er den Mutterleib frühzeitig, noch lange nicht ausgereift, verlassen. Die neurologischen Systeme sind noch in der Entwicklung und wichtige Nervenverknüpfungen können erst in einer späteren Periode erfolgen mit dem Vorteil, dass dann schon eigene, erlebte Erfahrungen zur Einschätzung der Umwelt im Gehirn mitberücksichtigt werden können. Eine geniale Möglichkeit, sich als Spezies schneller zu entwickeln und nicht auf angeborene Instinkte alleine angewiesen zu sein.

Wie ein Maikäfer müssen wir die ersten Monate auf dem Rücken liegen

In den ersten Monaten heisst es, auf dem Rücken zu liegen, die Umwelt zu registrieren und soviel wie möglich zu begreifen, im wahrsten Sinn des Wortes, wenn auch alles ziemlich unkoordiniert erscheint. Die Wirbelsäule ist noch rund (C-förmig) und das Baby kann sich nicht ohne Hilfe umdrehen oder gar auf den Bauch wälzen. Sobald die Wirbelsäule gerader wird und der Kopf nach hinten gedrückt werden kann und damit die vorderen Halsmuskeln gesteckt werden, klappt das auch mit dem Wälzen zur Seite und auf den Rücken. Das auf dem Bauch Liegen ist gar nicht so unangenehm. Wir wollen ja schliesslich einmal aufrecht stehen. Die Lordose im Halsbereich wird eingeübt um diese Gegend beweglicher zu machen. Es geht schliesslich darum, später den Kopf mühelos nach allen Seiten hin drehen zu können. Wie sollte man sonst alles überblicken können?

Der mongolische Bogen oder wie die Spannung in den Rücken kommt

Von Monat zu Monat streckt sie sich die Wirbelsäule immer mehr, vor allem im Lendenbereich und das Kreuzbein beginnt sich nach hinten zu lockern. Jetzt ist Krabbeln auf allen Vieren schon gut möglich. Sobald das Kleinkind sich aufrichtet und auf beiden Beinen wackelig steht, muss das Kreuzbein nach hinten gedrückt werden, wodurch das Becken nach vorne kippt. Dadurch kommt es zu einem Knick zwischen den Wirbeln L5 und S1 und einer Dehnung zwischen L4 und L5. Dieser Bereich ist keine Bruchstelle und wird auch gar nicht besonders physisch belastet. Im Stehen wird das Gewicht nun über das Kreuzbein direkt auf die beiden Beckenschaufeln übertragen. D. h. es gibt gar keinen Knick und keinen Bruch, sondern eine sanfte, notwendige Umformung der Wirbelsäule zum Stehen auf zwei Beinen. Es hat sich ein Winkel wie ein kurzer Griff gebildet, der einen starken, aber doch elastischen Hebel darstellt, um den starken Rückenmuskeln (Rückenaufrichter), die unten im Bereich des Kreuzbeins ansetzen, bei Belastung eine straffe Federung zu ermöglichen. Ein genialer, praktischer Einfall. Dieselbe Konstruktion haben die Mongolen gewählt und damit einen äusserst effizienten Schwingbogen erfunden, mit dem sie wie in einem Flächenbrand fast ganz Asien und halb Europa eroberten. Bei diesem Bogen setzt die Sehne genau an der Stelle an, die auch die Rückenmuskeln gewählt haben, um eine möglichst grosse Beweglichkeit zu verbinden mit Spannweite und Spannkraft.

Der Übergang von Wirbelsäule zu Becken (L4 / L5 / S1) ist keine gefährliche Sollbruchstelle

Hier liegt also keine Gefahrenquelle oder gar eine Sollbruchstelle vor (Gleitwirbel), als welche sie später im Leben hingestellt wird von Ärzten, die keine andere Erklärung für die ihnen vorgetragenen Rückenschmerzen finden können. Sie wissen offensichtlich nichts von der massiven Faszienspannung der Vorder- und Rückseite. Die Konstruktion ist genial, wie eigentlich alles, was die Natur abliefert. Wenn wir die Gründe oder einen Mechanismus nicht verstehen, so ist das unser Problem. Wir sind häufig unfähig, den Sinn zu begreifen oder liegen in der Interpretation völlig falsch, wie die wechselnden Ansichten im Laufe der Menschheitsgeschichte deutlich belegen.

Bei Bandscheibenvorfall oder Gleitwirbel unbedingt die Muskulatur entspannen, dann behebt sich das Problem von selbst, wenn es nicht schon zu spät ist

Bei den beeindruckenden Röntgenaufnahmen mit dem nach vorne verschobenen Wirbel oder der "eingebrochenen" Zwischenwirbelscheibe ist die Spannung der vorderen Muskulatur das Problem. Bandscheibenvorfall und Gleitwirbel auf Bildern sollten demnach als Indikatoren dienen, die sofortige Entlastung der vorderen Flektionsmuskulatur zusammen mit der Gegenmuskulatur einzuleiten. Vorne finden wir die Übeltäter. Die Aufgabe der Rückenmuskeln ist ganz klar. Sie müssen dafür sorgen, dass im Stehen wie im Sitzen der gesamte Rumpf sanft nach hinten gezogen wird, problemlos ohne Widerstand. Diese Muskeln sind demnach ausgelegt, uns sehr lange und ohne wesentlichen Kraftaufwand ein ganzes Leben ein wenig nach hinten zu ziehen.

Unser Masseschwerpunkt liegt im Nabel

Warum sollten sie das tun? Weil der Massenschwerpunkt immer vor der Wirbelsäule liegt. Im Stehen ungefähr da wo bei jedem von uns der Nabel sitzt, bei dicken Menschen ganz schön weit vorne. Durch unsere langen Beine und dem dadurch gebildeten langen Hebel auch sehr weit oben.

Das Besondere am Rücken

Die Rücken unserer Kleinen sind wirklich stark. Könnten wir das doch im späteren Leben erhalten

Von der Krabbelphase an bis zum 6.-7. Lebensjahr finden wir bei Kindern immer einen starken Rücken. Was bedeutet ein starker Rücken? Die Konstruktion soll in der Lage sein, ein Leben lang jeden einzelnen Wirbel und jede einzelne Rippe mit allem dazugehörigen umliegenden Gewebe im Sitzen und im Stehen aufrecht und gerade zu halten, also mit leichtem Zug ein wenig nach hinten zu ziehen und natürlich jede mögliche Biegung nach hinten und zu Seite zu ermöglichen. Und genau dafür sind alle die Muskeln auch gemacht.

Die Rückenmuskulatur, ein Durcheinander von komplizierten Strickleitern, eine tolle Konstruktion.

Aber jetzt kommt das grosse Durcheinander. Analytische Anatomen haben 16 verschiedene Muskelgruppen identifiziert, die eigentlich fast alle eine ähnliche Aufgabe haben. Jede dieser Gruppen besteht aus 20 bis über 50 isolierten Muskelsträngen. Jede Gruppe ist untereinander neurologisch verknüpft, muss sich aber auch gleichzeitig mit den anderen Muskeln oben, unten an den Seiten und auch auf der Vorderseite verständigen und einigen. Es gilt ja, gemeinsame Aufgaben zu verteilen. Wenn man jetzt noch berücksichtig, dass fasziale Verklebungen (Weichen) untereinander gebildet werden, weil die Belastungsstrassen unterschiedlich verlaufen, stehen wir langsam vor einem komplexen Problem. Wichtig ist auch bei der neurologischen Verknüpfung die Frage: "in welcher Reihenfolge werden welche Muskelanteile aufgefordert zu agieren." Das hat etwas zu tun mit Schnelligkeit und mit Beweglichkeit, letztendlich mit Geschicklichkeit.

[Belastungsstrassen]

Zwei Muskel Typen haben wir, automatisch arbeitende und solche, die wir selbst willentlich einsetzen können, - zusammen unzerstörbar

Zwei ganz unterschiedliche Muskeltypen spielen hier mit, die autochthonen (die automatisch, selbstständig, reflexhaft reagieren) und die, die jeder selbst bewusst einsetzen kann (da kommt es auf Training und Übung an). Ein Durcheinander also, das eigentlich am besten nur der Körper selbst in seiner tiefgründigen Weisheit in den Griff bekommt. Das Prinzip aber ist doch klar. Einzelne dünne bis fingerdicke Muskelstränge ohne eigenen Namen fangen unten am Kreuzbein an und ziehen jeweils wie Gummibänder zu einem weiter oben gelegenen Wirbelkörper oder dessen seitlichen Auslegern. Es gibt lange und kurze Gummibänder. In diese Darstellung haben sich automatisch auch die Faszien eingeschlichen. Denn sie sind die eigentlichen Gummibänder. Es gibt einige, die mehr in der Mitte angebracht sind und andere, die eher eine Aussenposition innehaben. Letztere sind, wenn sie auf einer Seite angesteuert werden, für Drehung und Beugung in dieser Richtung zuständig. Das Ganze ist wie ein Teppich verflochten und dadurch ziemlich stabil. Durch diese weise Anordnung sollte es eigentlich unmöglich sein, dieses bombensichere System zu schädigen. Alle Wirbel sind mehrfach abgesichert. Eine Kettenreaktion (Dominoeffekt) sollte auch nicht funktionieren, eben wegen der ausgeklügelten Verknüpfungstechnik.

Und doch haben wir es geschafft, wir zivilisierten Menschen, alle Muskeln zu überdehnen

Also bitte wenigstens die vordere Muskulatur entspannen. Der Rücken ist inzwischen krumm. Wie ein Rückentraining hier etwas grundlegend auf die Dauer verändern soll (es sei denn, Sie trainieren ihr ganzes Leben), mit welcher Idee man von aussen eine Umprogrammierung der überdehnten und erschöpften Muskeleinheiten hinbekommt, hat sich mir bislang verschlossen. Nur das Entspannen der vorderen Muskulatur kann diese Muskeln dazu bringen, sich selbst wieder vernünftig selbst zu organisieren.

Kerzengerade, J-Förmig und beweglich, so ist die Wirbelsäule bis zur Schule

Doch zurück zu unseren Kleinen. Sie haben alle noch einen starken Rücken. Die Wirbelsäule ist und bleibt kerzengerade im Stehen wie im Sitzen, eben die J-Form, die man braucht, um sich mühelos nach beiden Seiten zu drehen ohne abzuknicken. Ein mit gestreckten Beinen auf dem Boden sitzendes Kind kann sich stundenlang mühelos nach vorne beugen und zwischen den eigenen Füssen spielen. Keine Einschränkung im Rücken oder in den Beinen. Da ist nichts verspannt. Da tut nichts weh. Einen runden Rücken werden sie nie sehen. Die immer durchgestreckte Wirbelsäule ist von der Seite gesehen J-förmig. Ein Hohlkreuz (Lordose) ist bestenfalls angedeutet, eine krumme Schulter (Kyphose) fehlt ganz. Die grosse Veränderung kommt dann in der Schule.

Das Drama beginnt. Die lässige, lockere Sitzhaltung ohne Spannung schwächt das ganze System

Die Zeiten sind vorbei, wo Schüler in Sitzbänke eingeklemmt wurden, die heute ein wenig wie Folterinstrumente anmuten. Allerdings aus historischer Perspektive hatten diese den Vorteil, dass man sich nur sehr schwer krumm und schief hinsetzen konnte. Man war praktisch gezwungen, gerade zu sitzen. Mit zunehmender Freiheit und bequemeren Stühlen konnte man sich jetzt rumlümmeln. Wer heute die Frage stellt "Wie sieht die ideale Schreibtischhaltung aus?", wird wohl die Antwort erhalten "Gibt es nicht. Ändere möglichst häufig deine Position". Diese Freiheit könnten wir nutzen, aber die Praxis sieht anders aus.

Das Schreiben und Arbeiten im Sitzen schädigt unserem Rücken

Wenn Kinder in der Schule auf ihrem Tisch arbeiten, klappen sie förmlich nach vorne zusammen. Ist die Aufmerksamkeit nach vorne (auf die Tafel oder Lehrer) in der Klasse gerichtet, wird jeder intuitiv häufiger seine Haltung ändern. Anders beim Schreiben. Vornüber gebeugt wird der Oberkörper möglichst tief auf den Tisch gedrückt. Manchmal sieht man gar das Kinn auf einer Faust ruhend auf dem Tisch liegen, während die andere Hand weiter vorne schreibt oder malt. Eine ausgesprochen entspannte Haltung. Doch was passiert gerade mit dem Rücken?

Jeder einzelne Muskelstrang wird überdehnt und auseinandergezogen

Durch die bogenförmige Rückenwölbung wird jeder einzelne der vielen kleinen Muskelstränge gedehnt. Das Muskelmaterial und das darum herum liegende Bindegewebe wird mehr und mehr auseinandergezogen. Da es ein einziges Muskelsystem nie gibt, sondern immer nur kombinierte, müssen wir auch die Muskeln auf der Vorderseite mitberücksichtigen. Die sind überrascht, dass sie plötzlich soviel Freiheit haben, und da sie sowieso die stärkeren sind, verkürzen sie sich genüsslich. Das geht jahrelang so. Die hintere Muskulatur schlafft immer mehr ab und wird dabei weiter gedehnt. Sie hat aber genügend Kraft, im Stehen und Laufen den ganzen Rumpf problemlos noch nach hinten zu ziehen.

[Verkürzung] [Doppelpack]

Die Nackenmuskeln sind die ersten, die schlapp machen

Zwischen dem 12.-14. Lebensjahr schaffen das die hinteren Halsmuskeln nicht mehr so ganz. Sie sind die ersten, die schlapp machen. Die Halswirbelsäule kommt nicht mehr gerade von unten in den Schädel, sie beginnt schräg anzusetzen und ab jetzt können wir beobachten, wie jedes Jahr der Kopf ein wenig mehr nach vorne wandert. So beginnt die Nackenverspannung. Und da die Kaumuskeln auch einen stärkeren Zug nach hinten erfahren, verhärten diese auch langsam, belasten den Kiefer. Später dann häufig zu beobachten, nächtliches Knirschen und Abrieb der Zähne.

[Doppelpack] [Der Chef ist vorne]

Um nicht nach vorne zu kippen, muss der gesamte Oberkörper wieder weiter nach hinten, der Beginn einer Lordose

Durch die jetzt nach vorne gezogenen Schultern hat sich eine leichte Kyphose gebildet, also ein leichter Rundrücken. Sobald man sich aus der Sitzposition erhebt, drücken Kopf und Oberkörper nach vorne, so dass das Gleichgewicht zwischen vorne und hinten gestört ist. Ohne Ausgleich würden wir nach vorne auf die Nase fallen. Die Gegenmassnahme ist klar und einfach: Der gesamte Oberkörper muss weiter nach hinten gebracht werden, im Stehen wie auch im Gehen. Das bedeutet aber einen Knick der Wirbelsäule im Lendenbereich, also der Beginn eines Hohlrückens (Lordose).

Danach kommen die mittleren und unteren Rückenmuskeln dran

Als nächstes werden auch die Muskeln im mittleren und unteren Rücken durch die Dauerbelastung auseinandergezogen. In dieser Phase können wir die ersten Klagen über Rückenschmerzen hören. Ab jetzt werden sie die Hauptlast tragen.

[Hinten sind die Schmerzen] [Da wo's wehtut]

Wir reden hier die ganze Zeit nur von den Opfern, den Rückenmuskeln, über die Täter wird geschwiegen, wie immer

Haben Sie bemerkt, auch wir haben uns bisher nur mit Rückenmuskeln beschäftigt, weil die Geschädigten sich sofort zu Wort gemeldet haben. Die eigentlichen Täter, diejenigen, die unbedingt behandelt gehören, liegen vorne und haben sich bis jetzt nicht bemerkbar gemacht.

[Der Chef ist vorne] [Hangover] [Stress]

Weiter:

[Da wo's wehtut]

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